Was ist besser: Fichte oder Zeder?

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Klampfenkarl
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Re: Was ist besser: Fichte oder Zeder?

Beitragvon Klampfenkarl » Do 18. Feb 2021, 00:18

Na, jetzt bin ich aber wirklich hoch erfreut, dass sich mit Wulfin Lieske einer der großartigsten Virtuosen unseres Instruments in diesem Forum angemeldet hat. Herzlich willkommen.

chrisb
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Re: Was ist besser: Fichte oder Zeder?

Beitragvon chrisb » Do 18. Feb 2021, 18:43

wulfinlieske hat geschrieben:
Bernd C Hoffmann hat geschrieben:Aus klanglicher Sicht stellt sich immer wieder die Frage nach dem Deckenholz. Sollte man lieber Fichtenholz oder eine Zederndecke nehmen? Im wesentlichen ist das egal, doch geben beide Hölzer der Gitarre ihren klanglichen Grundcharakter. Dies zieht sich auch alle Preisklassen, beginnend beim geeigneten Einsteigerinstrument über die Mittelklasse bis hin zur handgebauten Solistengitarre. Hierbei gibt es auch ungeeignete Instrumente. Das sind die Gitarren, die man für unter 150 € z. B. im Weihnachtsgeschäft beim Discounter oder ständig auf Online-Schnäppchen-Plattformen ab 30 € Neupreis oder weniger angeboten beommt. Solchen "Gitarren" schenke ich keinerlei Beachtung. Auch wenn es gelegentlich den Anschein haben könnte, dies ist keine Kaufberatung sondern eine Gegenüberstellung des grundsätzlichen "Klangwesens" der beiden typischen Deckenhölzer.

Im unteren Einsteigerbereich ab ca. 200 € spielt bereits in der Produktion die Wirtschaftlichkeit eine entscheidende Rolle. Deshalb nehmen hier die Rohstoffpreise einen deutlichen Einfluss auf die Holzauswahl. Damit ist zu erklären, dass es im unteren Preisbereich für den Korpus meist Mahagonilaminat gibt sowie für die restliche Konstruktion die o. g. Hölzer. Dabei wird für die Decke statt Laminat das bessere Massivholz verwendet. Zudem kann in dieser Preisklasse nicht erwartet werden, dass lang abgelagerte Hölzer in höheren Sortenqualitäten verwendet werden.

Hallo an diese Gruppe! Ich mische mich auch mal kurz ein. Als ich studierte gab es immer diese Diskussionen: Zeder entwickelt sich nicht so langsam wie Fichte, ist schneller (man kann virtuoser spielen), ist lauter und man hört sich selber besser. Fichte dagegen ist spitzig im Ton, braucht ein paar Jahre einspielen und geht nicht so ab, unsexy eben. Nach ein paar Dutzend Gitarren und Jahren kann ich da nur sagen: alles Quatsch! Es kommt allein darauf an, wie die Gitarre gebaut ist. Ein Meister wird mit beiden Holzarten Top-Ergebnisse erzielen und sie je nach klanglicher Zielsetzung einsetzen. Ich hatte z.B. Gitarren von Robert Ruck (LP/CD "La Catredral") oder Miguel Rodriguez (CD Preludio Latino, Agau e Vinho") mit Zederndecken - sie waren super für Latin Repertoire aber weniger für moderne, atonale Musik, da klangen sie unsauber bis häßlich. Aber die "schnellste" Gitarre war meine Manuel Ramirez von 1912 (CD Aires de la Guitarra) mit einer Fichtendecke. Und die klang nun garnicht spitz. Generell ist der Klangaufbau der Fichten im höchsten Qualitätssegment harmonischer, die Zedern eher mit ungeradzahligen Formanten - die röhren dann so schön. Das fasziniert sehr aktive Spieler und gibt ihnen Sicherheit auf der Bühne. Aber eine Top-Fichte ist eben klassisch (Zederndecken kamen erst um 1930 in Spanien auf) und in jede Richtung klanglich formbar - und entwickelt sich über die Jahre weiter. Da heisst es: Glaube und Geduld. Aber gerade Gitarrenbauer, die sich an historischen Vorbildern wie Torres, Santos und Hauser orientieren, bauen heute mit Fichtendecken unglaublich gute Gitarren - sie sind schnell, warm und sehr tragfähig. Und sehr gut spielbar. Beispiele sind etwa Fritz (und Johannes) Ober und Carl Hermann Schäfer. Das ist meine Meinung. Beste Grüße in die Runde! Wulfin Lieske


Herzlich willkommen!

Wie ist Ihre Meinung über künstlich gealterte Fichtendecken, sprich Torrifizierung?
Haben Sie hiermit Erfahrungen?
chrisb

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wulfinlieske
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Re: Was ist besser: Fichte oder Zeder?

Beitragvon wulfinlieske » Do 18. Feb 2021, 20:08

Hallo Chris, ich habe das schon einmal getestet - aber die "Torrefizierung" (cool aber irreführend!) ersetzt nicht das persönliche Einspielen. Auch nicht die Methode der Vibrationsentdämpfung (maschinell). Faustregel: wie in den Wald hinein, so schallt es auch wieder hinaus - also guter Ton (Anschlag, Vibrato) lockt guten Ton hervor. Grüße WL

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Re: Was ist besser: Fichte oder Zeder?

Beitragvon chrisb » Fr 19. Feb 2021, 08:50

wulfinlieske hat geschrieben:Hallo Chris, ich habe das schon einmal getestet - aber die "Torrefizierung" (cool aber irreführend!) ersetzt nicht das persönliche Einspielen. Auch nicht die Methode der Vibrationsentdämpfung (maschinell). Faustregel: wie in den Wald hinein, so schallt es auch wieder hinaus - also guter Ton (Anschlag, Vibrato) lockt guten Ton hervor. Grüße WL


Danke, diese Erfahrung mit dem Einspielen mache ich gerade auch:
viewtopic.php?f=50&t=5398
Wobei mein Eindruck ist, dass der Prozess schon auf einer "anderen Stufe" beginnt und die Gitarren eine gewisse "Grundreife" besitzen.
chrisb

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Re: Was ist besser: Fichte oder Zeder?

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Fr 19. Feb 2021, 21:29

wulfinlieske hat geschrieben:Hallo Chris, ich habe das schon einmal getestet - aber die "Torrefizierung" (cool aber irreführend!) ersetzt nicht das persönliche Einspielen. Auch nicht die Methode der Vibrationsentdämpfung (maschinell). Faustregel: wie in den Wald hinein, so schallt es auch wieder hinaus - also guter Ton (Anschlag, Vibrato) lockt guten Ton hervor. Grüße WL

Hallo Wulfin,

danke für Deine Antwort! Das ist genau mein Kritikpunkt. Eine Gitarre, die man selbst einspielt, richtet sich in ihrer Reife nach ihrem Spieler. Die Torrefizierung erhält die klangliche Reife durch einen toten Gegenstand. Seit Hopf es in den 90er Jahren mit dem sog. Age-Wood-Verfahren einführte (und daraus ein Geheimnis machte), scheint es offenbar einen käuferbereiten Markt dafür zu geben. Aber das ist ein anderes Thema...
Liebe Grüße
Bernd
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jowori
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Re: Was ist besser: Fichte oder Zeder?

Beitragvon jowori » Mi 7. Apr 2021, 12:40

Hallo,
ich möchte hier auch noch meine Erfahrung mitteilen.
Obwohl ich lange Jahre auch Zederngitarren gespielt habe, favorisierte ich immer den Klang einer guten Fichtendecke. :?
(Interessant in dem Zusammenhang auch ein Interview David Russels
[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=5xrD9AMSXyU[/youtube]

Vor einiger Zeit, kaufte ich 2 moderne Gitarren von sehr renommierten Gitarrenbauern,
(deren Instrumente ich schon vorher gespielt und geschätzt hatte),mit z.T. speziellen Modifikationen auf meinen Wunsch.
Beide mit Fichtendecken selbstverständlich!
Nach kurzer Zeit musste ich leider feststellen, dass beide Gitarren nicht meinen Erwartungen entsprachen.
Was tun?
Da ich sehr viel Geld investiert hatte, schien es mir das Beste zu sein, sie bei Siccas in Kommission zu geben.
Von einer Dominique Field ( mit Fichtendecke), auf einem Youtubevideo von Siccas war ich beeindruckt und dachte diese zu kaufen.
(War aber dann doch nicht mein Fall .)
Mehr aus Verlegenheit, als aus großem Interesse heraus,spielte ich einige Fletas (Vater und Söhne, alle Zeder).
Letztendlich wählte ich die Beste und gab meine Instrumente in Komission. Selbstverständlich wählte ich eine gute Gitarre,
aber eine wesentliche Motivation war es meinen finanziellen Verlust zu minimieren, da eine Fleta wertbeständig ist.
(Zederndecke und dann auch noch indischer Palisander wäre auch nicht meine Wahl gewesen.)
Nach einigen Tagen zuhause, stockte mir der Atem, das war bei weitem die hervorragendste Gitarre, die je gespielt habe.
Es scheint das Holz, aus welchem der Meister geschnitzt, ist entscheidend. ;)
Grüße,
Johannes


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