Hoppstock:Bachs Lautenwerke aus der Sicht des Gitarristen

Spezielle Beiträge, die z. B. durch besondere Betrachtung, Herangehensweise, Ergebnisse etc. eine beachtenswerte Besonderheit darstellen
veetguitar
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Hoppstock:Bachs Lautenwerke aus der Sicht des Gitarristen

Beitragvon veetguitar » Sa 23. Mär 2013, 22:24

Über Tilman Hoppstocks "Die Lautenwerke Bachs aus der Sicht des Gitarristen
Brauchen wir ein Buch (oder mehrere!) über Bachs Lautenwerke?

N. Hanoncourt hat am Anfang seines Buches Musik als Klangrede den Unterschied zwischen Notentreue und Werktreue sehr genau erklärt:
Notentreue meint: "Ich spiele das, was da steht!" Und man wähnt sich damit bei der Interpretation alter Meister auf der sicheren Seite.

Nun ist es aber so, dass bis in die Mitte des 19 Jahrhunderts hinein allgemein nur die jeweilige zeitgenössische Musik gespielt wurde. Sowohl Musiker als auch die Zuhörer waren über alle Feinheiten und Details des Zeitstils genau im Bilde. Genau diese Details wurden nun- weil sie eben Teil der musikalischen Allgemeinbildung waren- nicht in den Noten notiert. Man sollte sich nämlich klarmachen, dass Bach - oder einer seiner Zeitgenossen- nie an Aufführungen in späteren Jahrhunderten gedacht haben. Die Musik wurde für die Musiker der Zeit aufgeschrieben. Im Grunde oft für ein vom Komponisten geleitetes Ensemble an Hof oder Kirche.

Jeder kennt z.B. von Bach und anderen Komponisten Stücke mit schier endlosern 16tel Ketten. Eine Standardanweisung im heutigen Musikunterricht lautet : " Alles so gleichmäßig wie möglich spielen!" Das wäre aber sowohl im Barock, als auch in der Klassik schlicht falsch. Hier kommt der Begriff der Artikulation ins Spiel. Den scheinbar gleichförmigen 16tel Noten werden bestimmte Artikulationsmuster aufgeprägt:

Vier 16tel könnte man etwa spielen:
staccato (kurz), dann zwei Noten (legato) gebunden, dann wieder staccato
oder
drei Noten gebunden, eine kurz (stac)

Man kann sich die Mühe machen und alle denkbaren Kombinationen aufschreiben. Die einzelnen Muster lassen sich auch vermischen und kombinieren.
Natürlich ist so eine Musizierpraxis ideal für Streich und Blasinstrumente geeignet, wo die Kontrolle über die Länge des Tones technisch leicht umsetzbar ist. Bei Laute und Gitarre ist die Umsetzung zunächst kein Selbstläufer, dennoch aber möglich.
Für die Ausführung der Artikulation gibt es zwar Regeln. Dennoch bleibt für den Interpreten ein erheblicher kreativer Freiraum, der eine gewisse Spontaneität und Musizierfreude fördert.
Wir können also direkt miterleben, wie eher dröge 16tel Ketten durch ein paar Artiklationsregeln plötzlich lebendig, ja sogar synkopisch mit drive gespielt werden können.
Und das ist keine Überinterpretation, sondern war vom Komponisten erwünscht, ja erwartet.

Zurück zur Eingangsfrage: Brauchen wir das Wissen über die Musizierpraxis vergangener Epochen?
Nehmen wir mal einen aktuellen Musikstil wie Blues oder Flamenco. Wir können für diesen Bereich einiges an Noten (oder Tabulaturen) erhalten. Stellen wir uns einen Moment vor, wir befinden uns im 23.Jhdt und es gäbe keinerlei Aufnahmen oder Musiker mit dieser Musik mehr. Ich denke es wäre nahezu unmöglich eine auch nur entfernt authentische Interpretation dieser Musik mit Noten als einziger Informationsquelle zustande zu bringen.
Werktreue im Sinne von N.Hanoncourt bedeutet, das Wissen über die Musizierpraxis der Zeit mit der Umsetzung des Notentextes zu kombinieren.

Tilman Hoppstock hat nun ein auf drei Bände a ca. 300 Seiten angelegtes Werk mit bisher zwei erschienenen Bänden vorgelegt.
Die Lautenwerke Bachs aus der Sicht des Gitarristen
Mit meiner Besprechung möchte ich sowohl zur näheren Beschäfigung mit Hoppstocks Werk anregen, als auch einige der darin vorkommenden Themen zusammenfassend darstellen.
Informationen zu Tilman Hoppstock gibt es auf seiner Website http://www.t-hoppstock.de

Meiner Meinung nach ist Tilman einer der Barockexperten schlechthin unter den Gitarristen.
Der Versuch, das in jahrzehntelanger Beschäftigung erworbene Wissen weiterzugeben scheint mir - auch aufgrund der jedem Band beigefügten Cd mit 99 Tracks äußerst gelungen.

Hoppstocks Werk kombiniert die unterschiedlichsten Herangehensweisen:
-Es ist eine Art Wikipedia der Lautenwerke Bachs. Alle möglichen Notenausgaben, Cd Aufnahmen, Bücher, Artikel werden gelistet. Sämtliches derzeitiges Wissen der Bachforschung zusammenfassend dargestellt.

- Aufführungspraxis, Verzierungen, detaillierte Informationen zu allen barocken Satztypen, Tanzsätzen, Geschichte der Fuge etc. Dies auch wieder mit zahlreichen Klangbeispielen.

- Harmonische und Analyse. Hier wird nicht nur auf zahllosen Seiten Analyse betrieben. Zur Veranschaulichung werden zahlreiche Stellen "umkomponiert", vereinfacht, begradigt... Und so versteht man immer wieder neu, was Bach so einmalig macht. Meiner Meinung nach kann man den Genius Bachs wohl kaum anschaulicher vermitteln.

- Gedanken zu Form, Architektur, goldener Schnitt, Temporelationen.


- Alternative Vorschläge zu schwierigen Stellen bei der Transkription für Gitarre.


- Bach Bearbeitungen von Busoni, Godowsky und Hoppstock (z.B. das Präludium BWV 998 als Brandenburgisches Konzert!) in Partitur und Klangbeispiel.

Die Quellenlage mag als eher trockenes Kapitel erscheinen. Dennoch: man sollte sich klar machen, dass nur vier der sieben Lautenkompositionen Bachs wirklich eindeutig der Laute zugeschrieben werden können. Die von D. Bruger eingeführte Nummerierung in Lautensuiten Nr.1-4 verschleiert diese Faktenlage eher und wird deswegen in neuerer Zeit kaum noch verwendet.
Es gibt keinerlei Hinweis, dass Bach die Laute selbst gespielt hat. Sehr wohl war er aber häufig in Kontakt mit Lautenisten wie S.L.Weiss, auch einige Bach Schüler (J.L.Krebs, R.Straube) waren Lautenisten.
Bach hat ja grundsätzlich ohne Instrument komponiert. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass er ein fundiertes Wissen über die Laute hatte, mussten die Werke von den Instrumentalisten bearbeitet weden.

Verzierungen
Die Symbole für Verzierungen im Barock wurden u. a von Bachs Sohn Wilhelm Friedemann in Tabellen aufgeschrieben und dienen noch heute als Leitlinie für Instrumentalisten.
Man kann anhand der verschiedenen zeitgenössischen Abschriften der Suite g-moll (BWV 995) ersehen, daß die Verzierungspraxis eher frei( oder eben an die Möglichkeiten des Instrumentes angepasst ) gehandhabt wurde. Tendenziell wurde zahlreiche Verzierungen hinzugefügt. Es gibt von Bach Beispiele ausgeschriebener Verzierungen für ganze Stücke. Die Anzahl der Noten erhöht sich um ein Mehrfaches. Dies nur um anzudeuten, dass Verzierungen im Barock eine große Rolle spielen.Der Übergang vom Reproduzieren einer Komposition zum Inproviseren über dieselbe ist hier fliessend. Man vergleiche dies mit der heutigen Jazzpraxis und wird verblüffende Parallelen entdecken.

Analyse
Die Analyse setzt durchaus fundierte Kenntnisse der Harmonielehre voraus. Andererseits tragen die Klangbeispiele entscheidend zum Verständnis der Zusammenhänge bei.
Die gesamte harmonisch Darstellung ist alles andere als schulmeisterlich. Nach einem langen harmonischen Diskurs schließt sich etwa das Kapitel:
Versuch einer szenischen Choreografie
Fassen wir die vorher besprochenen Einzelaspekte zusammen, erschließt sich uns ein kleines Theaterstück.....

Für heute soll es genug sein. Je länger ich hier schreibe, umso schwieriger erscheint es mir, die zwei Bücher zusammen zu fassen, geschweige denn auf einen Nenner zu bringen.
Wenn sich eine Diskussion ergibt, kann ich noch andere Informationen nachreichen.

Meine Absicht war, einen Einstieg in die Thematik der Bach´schen Lautenwerke zu zu erleichtern.

Wenn Hoppstocks Werk überwiegend tief in die Details geht, so wäre es ergänzend dazu von Interesse, gute übergreifende Bücher über Bach zu erwähnen.
Das will ich hier am Schluss tun:

-Maarten´t Hart : Bach und ich
Der Schriftsteller bezeugt darin sein lebenslange Liebe zu der Musik des Komponisten.
Ohne Fachjargon geschrieben, mit Cd im Buch.

- Martin Geck: J.S Bach Rowohlt Monographie
Flüssig geschreibene Darstellung von Bachs Leben

- H.H. Eggebrecht: Bach wer ist das?
Der große Musikwissenschaftler schafft es hier zum Kern der Musik Bachs vorzustoßen. Kenntnisreich, dicht, faszinierend, zahlreiche Mythen werden zurechtgerückt.

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docsteve
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Re: Hoppstock:Bachs Lautenwerke aus der Sicht des Gitarriste

Beitragvon docsteve » Mo 25. Mär 2013, 12:47

Hallo Veet,

vielen Dank für die interessante Einführung, die Lust auf mehr macht.

Je länger ich hier schreibe, umso schwieriger erscheint es mir, die zwei Bücher zusammen zu fassen, geschweige denn auf einen Nenner zu bringen.


Das glaube ich gern, deshalb habe ich gleich eine konkrete Frage bzw. einen Vorschlag:

Hoppstock selbst schreibt von "völlig neuen Perspektiven" auf die Musik Bachs. Kannst du vielleicht in diese Richtung weitermachen - d.h was ist neu und widerspricht nicht nur der "Musikschulpraxis", sondern fügt auch anderen, historisch informierten Konzepten etwas hinzu? Die Verzierungspraxis und die Jazz-Analogie sind ja Themen, die man auch schon aus anderen Quellen kennt. Interessant wäre, was Hoppstock dazu Neues zu sagen hat, oder wo er sonst neue Erkenntnisse bietet.

Und keine Sorge, muss nicht morgen sein :-)

Viele Grüße, Stephan

PS Das hier könnte dir vielleicht auch gefallen.

matthias
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Re: Hoppstock:Bachs Lautenwerke aus der Sicht des Gitarriste

Beitragvon matthias » Mo 25. Mär 2013, 13:42

Hi Stefan, das Gedicht in Deinem PS
ist aber "künstlerisch sehr frei" ;)

Präludjum, Bourree, Don Giovanni, Toccata
und Fuge, Radetzkymarsch, Appassionata,
Peer Gynt, Kleine Nachtmusik, Cats, Für Elise.
Wer Kenner ist, kennt das, sagt Lars. Hör ich diese
Motive, dann weiß ich – ich bin ja vom Fach -:
das ist Bach!


oder?

l.G. matthias

veetguitar
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Re: Hoppstock:Bachs Lautenwerke aus der Sicht des Gitarriste

Beitragvon veetguitar » Mo 25. Mär 2013, 20:00

@docsteve:
Na ja, ein bischen Marketing darf Herr Hoppstock dann doch betreiben!

Aber im Ernst: Aus dem Stand könnte ich da auch keine erschöpfende Auskunft geben.

Bach hat ja die gesamte Epoche des Barock zusammengefasst, alle Nationalstile (italienisch, französisch, deutsch...), als auch die Stilistiken des Frühbarock und der Renaissance., und nicht nur das:
Noch immer habe ich Glenn Gould in einer seiner Fernsehsendungen vor Augen, wie er in wenigen Minuten eine Reihe von Bach Passagen spielt und kommentiert: "Dies hier klingt wie italienischen Renaissance, das wie Händel, jenes wie Chopin, das wie Wagner, wie Schönberg.,etc"
Man hat anschließend den Eindruck als ob Bach eigentlich schon alles wegkomponiert hat...

Faszinierend bei Hoppstock fand ich z.B. die Abschnitte über die Suitensätze, die ja schon zu Bachs Zeit mehr als Instrumentalformen, denn als getanzte Musik präsent waren. Es werden Quellen wie Otto Schneiders Tanzlexikon, Kirnbergers und Matthesohns Abhandlungen zitiert, die sehr bildhaft den Wesenskern jeder Tanzform beschreiben können.
Dann eben alle Frühformen, Varianten, Nationalstile, usw. der jeweiligen Tänze.
Ich sehe schon, die Mehrheit des Publikums hier wird abwinken. Aber wie Hoppstock das rüberbringt ist schon klasse:
Die Beispiele sind immer als Transkriptionen in für Gitarre leichten Tonarten abgedruck und auf der Cd eingespielt.
Die eigentliche Leistung besteht wohl darin, das Faktenwissen aus der verstaubten musikwissenschaftlichen Ecke herauszuziehen und lebendig werden zu lassen.
Hoppstock erwähnt ja in einem Nebensatz, dass er in Darmstadt nicht nur Gitarre, sondern auch Kontrapunkt unterrichtet.
Die besten Teile des Buches sind die, wo er den sicheren Untergrund der Faktenhuberei verlässt in eine kreative Richtung. Wie spielerisch man mit Bach umgehen kann!
Eigentlich sehr befreiend für alle, die sich von Bach Statur ein wenig erdrückt gefühlt haben.


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