Werkanalyse im Unterricht?

Allgemeines zur Neuen Musik, das nicht in die anderen Rubriken passt
amadeo
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Werkanalyse im Unterricht?

Beitragvon amadeo » Sa 21. Aug 2021, 00:28

Ich bin bei einem Gitarrencoach, der mir in technischen und musikalischen Fragen weiter hilft, nur in einem Punkt bin ich nicht so ganz glücklich. Beim Erlernen neuer Werke macht er mit mir keine theoretischen Analysen der Kompositionen, obwohl ich das gerne hätte, weil ich glaube, dass ich dann v.a. längere Werke leichter auswendig lernen könnte. Grundwissen in Harmonie und Form habe ich. Er hält das also nicht für nötig und konzentriert sich auf die Gestaltung. Ich weiß nicht hat, ob das reicht und würde mich freuen, wenn mal ein Lehrer oder Pro was dazu sagen könnte:
- Gehört die Formanalyse nicht zwingend dazu? Ist das nicht eine Stütze für das Auswendig lernen?
- Gibt es da Ressourcen irgendwo, die mir weiterhelfen könnten, dass ich das selber nachvollziehen kann?
Ich würde z.B. gerne das ganze La Catedral/Barrios auswendig können und übe da viel dran, aber auswendig fliege ich ich immer wieder aus dem Text, mal hier mal da. Der eingeübte Notentext gibt mir zu wenig Halt.

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Bernd C Hoffmann
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Re: Werkanalyse im Unterricht?

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Sa 21. Aug 2021, 13:32

Hallo amadeo,

abgesehen davon, dass sowohl Barrios als auch seine Komposition mit Neuer Musik überhaupt nichts zu tun hat, ist die Formenanalyse für das Erlernen einer Komposition nicht zwingend nötig. Natürlich helfen Hintergründe über die Kompositionsidee ein besseres Verständnis über die strukturelle Form und dem Zugang zur Komposition für die innere Auseinandersetzung mit ihr zu bekommen. Erforderlich ist es meiner Meinung nach jedoch meistens nicht, schon gar nicht bei einem Stück wie La Catedral.

Das Problem, das Du ansprichst, hat mit der Formenanalyse nichts zu tun. Es dreht sich konkret um das musikalische Gedächtnis bzw. musikalisches Gedächtnis-Training. Hierbei geht es um die Zusammenhänge der musikalischen Interpretation als Ganzes im Auswendigspiel. "Zusammenhänge" meint in diesem Fall, dass alle Aspekte der Musikalität als ausgereifte Gesamtwiedergabe sich als konzertreifen Vortrag in der Interpretation wiederfinden. Gemeint ist also nicht die rein technische Wiedergabe des Notentextes, also keine mechanische Wiedergabe, denn dies ist das typische Beispiel einer schlechten, d. h. unbewegten leblosen oder statischen Interpretation, als das, was man auch als "langweilig" bezeichnet.
Liebe Grüße
Bernd
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jowori
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Re: Werkanalyse im Unterricht?

Beitragvon jowori » So 22. Aug 2021, 11:26

Hallo amadeo,
Hallo Bernd,
Ich bin der Meinung,
eine harmonische und strukturelle Analyse ist eine Voraussetzung für die technische und gedächtnismäßige Bewältigung eines Stückes. Selbst im Anfängerunterricht mit kleinen Kindern sind kindgerechte Hinweise auf Form und harmonische Entwicklung absolut notwendig. :)
Natürlich kann man als Liebhaber auch rein intuitiv an ein Stück herangehen.
Und eine Analyse sollte Empfindung und Fantasie nicht beeinträchtigen sondern bereichern und festigen.
Allerdings braucht es dazu eine gewisse Grundausbildung. Deshalb ist z. Bsp.an den staatlichen Musikschulen der meisten romanischen Länder der Besuch von 2 Jahren Solfège Voraussetzung für den
Instrumentalunterricht.

Genies natürlich ausgenommen :D
(So hatte ich einen 10jährigen Schüler, welcher die Bach-Chaconne vom Blatt spielte und anschließend aus dem Gedächtnis den harmonischen Verlauf wiedergeben konnte. :shock: )

Zurück zur Frage.
Ich denke die Catedral ist ein Paradestück dafür, was eine Analyse für Gedächtnis und Technik leisten kann.
Das Eingangsprélude "Saudade" ist durch die ständigen kleinen Veränderungen des Grundmotivs sehr schwer zu merken. Wenn man nicht die harmonischen Kenntnisse hat, kann man auch die Struktur des Fingersatzes benützen um sich die genaue Abfolge zu merken.
Der zweite Satz ist relativ einfach harmonisch und kann auf wenige Akkorde reduziert werden, was die Ausführung sehr erleichtert.
Der dritte Satz ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine harmonische Analyse Voraussetzung für die technische Bewältigung ist, da man sonst dazu neigt: "nicht mehr den Wald vor lauter Bäumen zu sehen".
Vorausgesetzt, dass die Grundbewegungsabläufe verinnerlicht sind und auf leeren Saiten als Patterns eingeübt wurden, sollte der Satz bzw. die Abschnitte 1,2,3 als reine Akkordfolgen durchgespielt werden.
Zum Spaß und als Übung ist es auch hilfreich die Akkorde auf andere Weise oder mit anderen Bindungen zu arpeggieren als von Barrios notiert. Auf diese Art geübt, verlieren die technischen Anforderungen ihre Schwierigkeit und auch der Drang noch schneller spielen zu müssen, führt sich ad absurdum.

amadeo, ich denke wenn du googelst wirst du vielleicht eine brauchbare Analyse der Catedral finden.
Es gibt auch zahlreiche Meisterkurse auf Youtube welche dieses Stück behandeln.
Lieben Gruß,
Johannes

amadeo
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Re: Werkanalyse im Unterricht?

Beitragvon amadeo » Sa 11. Sep 2021, 18:17

Ja, vielen Dank für Eure Antworten. Das sind jetzt zwei Meinungen. Ich habe mich entschlossen, einen anderen Lehrer zu suchen, der mir beim Lernen auch die Struktur erklärt, einfach um zu sehen, ob mich das weiter bringt. Barrios war für mich halt "neue" Musik.


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