Handgrößen

Spieltechniken, Gitarristen, allgemeine Gitarristik (Konzertgitarre)
Marty CT
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Re: Handgrößen

Beitragvon Marty CT » Do 12. Okt 2017, 23:06

Hallo Zusammen,

die EGTA-D (European Guitar Teachers Association Sektion Deutschland) gibt eine Empfehlung für die Mensur einer Gitarre bezüglich der Körpergröße. Damit korreliert in der Regel auch die Handgröße.

Die Empfehlung ist:
Mensurlänge in cm = (Körpergröße in cm) * 0,36

Diese Faustregel ergab sich aus der Forschung vom österreichischen Gitarrenpädagogen Ekard Lind.
Es gibt natürlich außnahmen hiervon!

Im Detail kann man dies auch auf der Seite der EGTA-D nachlesen. Hier die Links:

Ratgeber Seite (Körpergröße, Gitarrengröße, Kindergitarren, Shülergitarren, etc....)
http://www.egta-d.de/page/gitarrenkauf.html

EDIT Admin: Links entfernt. Keine Links auf direkte Downloads!

EDIT:

Aus eigener Erfahrung, und einer Größe von ca 171cm kann ich folgendes sagen :
- Die Richtlinie der EGTA-D ist für mich durchaus bindend! Aus der Empehlung folgt für mich eine 7/8 bzw. 3/4 Gitarrre (je nach Hersteller und Spielbarkeit des Modells).
- Durch die Größe bendigte Anpassung an Körper: Fehlstellungen werden geringen!
- Damit sind auch schwierige Überstreckungen deutlich einfacher und präziser durchzuführen (z.B. Sor, Merz)
- Selbst mit 16 Jahren Spieltätigkeit habe ich auf einer 4/4 Gitarre Probleme einen "standard" G-Dur Akkord (1.Lage, mit LH (2(5.Saite), 3(6.Saite), 4(1.Saite) ) ohne vorige Dehnübungen zu machen
- In pädagogischen Kreisen steht man mittlerweile sehr skeptisch gegenüber der ~>65cm Mensur (4/4 Gitarre). Diese Standardgröße wird mittlerweile Segovia zugeschrieben. Dieser hatte jedoch die entsprechenden körperlichen Vorausetzungen hierfür. (siehe Ekard Lind)
- Die Schwierigen Überstreckungen in der historischen Literatur sind heute dadurch bedingt, dass früher eine viel kleinere Mensur bei Gitarren gebräuchliche war.
- Bei Musikern die Laute spielen ist es üblich, sich eine Laute herstellen zu lasssen. Dabei wird dem Lautenbauer die gewünschte Mensur mitgeteilt.
- Bei allen Einschränkungen sollte folgendes immer gültig sein:
Die Gitarre sollte den Körperlichen Voraussetzungen des Spielers angepasst sein! Nicht umgekehrt!
- Alle meine früheren Meister-Lehrer nutzten ein Gitarre die Sie nach ihren Bedürfnissen beim Gitarrrenbaur herstellen liesen. Keiner hat ein "Standard" Modell genutzt.

Grüße

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Bernd C Hoffmann
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Re: Handgrößen

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Fr 13. Okt 2017, 00:43

Hallo Marty CT,

die EGTA-REssourcen sind alle bekannt. Auch wenn ich die Grundgedanken zur Mensur von Ekard Lind berechtigt finde, sind sie trotzdem mit vorsicht zu genießen, weil heute längst nicht mehr jedes Kind in einem bestimmten Alter ungefähr dieselbe Körpergröße hat. Aus meiner Erfahrung im Unterricht kann ich sagen, dass ich die Lindsche Einteilung in der Korelation aus Körpergröße und Handgröße nicht teile, weil die von ihm empfohlen Maße überwiegend nicht passen. Seit er sein Dreiteiliges Etüdenwerk zu einer besonders guten Spieltechnik herausbrachte, steht er bei mir auf dem Abstellgleis.

Ich glaube nicht, dass Deine angeblichen Meisterlehrer nie auf Standardmensuren gespielt haben, denn dann könnten sie gar nicht wissen, was sie genau brauchen. Die "Extrawurst" leistet man sich aber nur dann, wenn man genau weiß, weil genau das der Gitarrenbauer wissen muss! Die haben mit Sicherheit nicht alle von Anfang an auf handgebauten Unikaten gelernt. Wer kann sich das auf breiter Ebene leisten bzw. wer ist überhaupt gewillt, um für die erste Gitarre soviel Geld auszugeben? Wohl nur die allerwenigsten Anfänger. Und wie kommt es, dass so viele Profis sich für Industriemaße entscheiden? Dazu reicht ein Blick ins gehobene Händlersortiment. Oben der Banner von einem Händler, wo sich die Künstler die Klinke in die Hand geben. Die Daten der Instrumente stellen Deine Aussage deutlich in Frage.

Hinzu kommt, dass Kinder im Wachstum sind. Viele können es sich gar nicht mehr leisten alle paar Jahre eine neue Gitarre zu kaufen. Hier sind vielmehr kreative Lösungen in der Zusammenarbeit an der Schnittstelle zwischen Lehrer, Eltern und Gitarrenbauern gefragt, mit denen man zumindest einen Wachstumssprung überbrücken kann, damit keinerlei technische Probleme auftreten. Im Gegensatz zu einer neuen Gitarre liegen die Mehrkosten einmalig zwischen 20 und 40 €. In meinem Unterricht hatte sich das sehr bewährt. Desweiteren halte ich es richtig, dass es ein Standardmaß gibt, mit dem der größte Teil der Gitarristen keine Probleme hat. Konkret spielen da noch ganz andere anatomische Individualgegebenheiten mit, die Lind völlig außer Acht lässt. Ein gutes Beispiel hierfür bin ich selbst. Äußerlich sind meine Kuppen nicht auffällig. Im Finger liegen die Knochen weiter zurück als beim Durchschnitt. Dadurch habe ich eine sehr große Kuppenauflagefläche. Auch spiele ich nicht mit maximalen Druck. Trotzdem habe ich an den Kuppen Prägerillen von den Saiten. Zudem hatte ich genügend Schüler beider Geschlechter, die fast alle ab dem Alter von 12 Jahren mit einer 65er Mensur keine Probleme hatten.

Daten, die irgendwann erhoben wurden, werden irgendwann von der Zeit überholt. Ich bin mit meiner eigenen Orientierung besser gefahren und habe die Empfehlung Linds seit Mitte der 1990er Jahre sehr häufig widerlegen können. Ergo: Bei Ekard Lind und der EGTA, weil sie sich noch an dem alten Datenmaterial orientiert, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
Liebe Grüße
Bernd
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Marty CT
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Re: Handgrößen

Beitragvon Marty CT » Fr 13. Okt 2017, 02:04

Hallo Bernd C Hoffmann,

der Punkt betreffend der Kinderausbildung ist mir hier nicht wichtig.

Ich kann nur aus meiner persönlichen Erfahrung berichten, dass eine kleinere Mensur deutliche Vorteile für die bespielbarkeit des Instruments ergibt.
Habe auch Jahre lang auf einer "standard 4/4" Gitarre gespielt. Die herausforderung die ich hier hatte habe ich auch gemeistert.
Klar kann man diese meistern. Jedoch prägt man sich im "motorischen Gedächtniss" eventuell Bewegungsabläufe ein die eventuell nicht so gesund sind, aber sie funktionieren einfach.
Wenn die Antatomie nicht passt findet man einfach Lösungen die funktionieren aber aus technischer sicht nicht perfekt sind. So einfach ist das.
Die Erkenntnis kam bei mir mit kleineren Mensurlängen.

Ich kann daher nur jedem empfehlen einfach mal kleinere Gitarren auszuprobieren.

Ein anderer Blickpunkt:
Parallel zur Gitarre spiele ich auch Klavier. Was die Technik/Spreizfähigkeit der LH/RH angeht habe ich beim Klavier deutlich weniger Probleme.
Für mich ziehe ich das Fazit:
Instrument muss der körperlichen Anatomie Angepasst sein und nicht umgehkehrt!
Und bei vielen Gitarren ist dies eben nicht der Fall.

Grüße

wolfgang
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Re: Handgrößen

Beitragvon wolfgang » Fr 13. Okt 2017, 20:36

OhGottOhGottOhGott..
Mein Zeigefinger ist 6 cm lang und meine aneinander gereihten Fingerkuppen 6,5 cm breit.
Wie konnte ich es jemals wagen, ein Gitarre in die(se) Hand zu nehmen?
Spaß oder Ironie beiseite, die Leute mit den Spinnenfingern tun sich natürlich leichter, aber ich spiel halt gerne...

SaitenSurfer

Re: Handgrößen

Beitragvon SaitenSurfer » Do 8. Mär 2018, 23:49

"Die Proportion in Relation": ein in sich ausgeglichenes Fingerprofil ist "besser" als eine gotische Handform mit ausgeprägten Höhen und Tiefen.

Gotische Handformen machen es auch schwieriger, sich eine Mensur "in die Hand" bauen zu lassen.

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Re: Handgrößen

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Fr 9. Mär 2018, 00:47

SaitenSurfer hat geschrieben:"Die Proportion in Relation": ein in sich ausgeglichenes Fingerprofil ist "besser" als eine gotische Handform mit ausgeprägten Höhen und Tiefen.

Gotische Handformen machen es auch schwieriger, sich eine Mensur "in die Hand" bauen zu lassen.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass man seine Anatomie bzw. die Grenzen seiner Möglichkeiten kennen muss, ganz besonders als Gitarrist.
Liebe Grüße
Bernd
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Roberlin
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Re: Handgrößen

Beitragvon Roberlin » Di 22. Mai 2018, 14:04

Hallo, ich liege mit meiner Hand über allen: Zeigefinger knapp 9cm. Vier Finger nebeneinander 8,2 cm.
Jetzt meiner Frage: Ich habe das Problem, das die Finger in hohen Bünden nicht untereinander passen, also etwa ein Standard G-Dur Akkord im 10. Bund. Das wurde ja hier schon geschildert.
Wenn ich jetzt auf die Suche nach einer anderen Gitarre gehe oder sie mir bauen lasse: Was hilft mir wohl besser, breiterer Hals oder längere Mensur? Ich weiß, das kann man wohl nur durch ausprobieren rausfinden, aber so leicht ist es nicht, Gitarren breiter als 54 cm zu finden. Gefühlsmäßig hätte ich gern einen breiteren hals, weil ich zwar riesenhände habe aber trotzdem nicht unbedingt mehr spreizen möchte.
Oder gibt es Gitarren, die zu den hohen Bünden überproportional breiter werden?

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stramich
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Re: Handgrößen

Beitragvon stramich » Di 22. Mai 2018, 17:16

Ich finde es komisch , dass meine krueger , mensur 645 ein hohes c hat und meine ramirez nicht mensur 660 , alle meine anderen gitarren , 650 mensur auch nicht , also müsste das griffbrett ja länger sein , bei kleinerer mensur , nur anders angesetzt, meine ramirez ist aber riesig , und die marin fühlt sich klein an , vieleicht müsste man auch die gesammtgrösse der Gitarre achten , weil die 6 cm geteilt durch 15 bünde auch nicht alles ausmachen, ich werde meine Gitarren mal nachmessen, gesammtlänge, und grösse vom Korpus, ich glaube , das der kleinere Korpus , eine andere Haltung erlaubt, und sich einfach anders spielt, ( über das Problem mit dem Bauch , werde ich jetzt nicht schreiben , ich benutze jetzt lieber die kleinere Gitarre)

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Re: Handgrößen

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Di 22. Mai 2018, 21:05

Roberlin hat geschrieben:Jetzt meiner Frage: Ich habe das Problem, das die Finger in hohen Bünden nicht untereinander passen, also etwa ein Standard G-Dur Akkord im 10. Bund.

Das eigentliche Problem ist in Deinem Fall die Fingerdicke. Ich kann den Akkord in der Position problemlos spielen. Bei bestimmten Griffbildern ist es ratsam sich alternative Fingersätze anzueignen. Bei eingeschobenen A-Dur-Fingersätzen greife ich mit dem 1. Fingerglied des 3. Fingers ein Barrée über die 3 Saiten (z. B. auch Spanische Romanze).

Roberlin hat geschrieben:Wenn ich jetzt auf die Suche nach einer anderen Gitarre gehe oder sie mir bauen lasse: Was hilft mir wohl besser, breiterer Hals oder längere Mensur? Ich weiß, das kann man wohl nur durch ausprobieren rausfinden, aber so leicht ist es nicht, Gitarren breiter als 54 cm zu finden. Gefühlsmäßig hätte ich gern einen breiteren hals, weil ich zwar riesenhände habe aber trotzdem nicht unbedingt mehr spreizen möchte.
Oder gibt es Gitarren, die zu den hohen Bünden überproportional breiter werden?

Eine 54er Halsbreite kann Dir jeder bauen. Weicht es vom Produktionsstandard ab (z. B. bei Hanika), dann ist der Aufwand für einen breiteren Hals größer, was sich auch im Preis bemerkbar macht. Kauft man in der kleinen Werkstadt, dann ist die Individualität meist im Preis inbegriffen. Was Du Dir mal anschauen könntest, sind Gitarren im Casha-Design. Hiermit hat sich Thomas Ochs einen besonderen Namen gemacht. Auf Youtube, auch im Forum, findest Du ein Video, in dem ich ein Interview mit ihm führe. Dort geht er direkt auf das Casha-Design ein.
Liebe Grüße
Bernd
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Roberlin
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Re: Handgrößen

Beitragvon Roberlin » Mi 23. Mai 2018, 09:08

Bernd C Hoffmann hat geschrieben:
Roberlin hat geschrieben:Das eigentliche Problem ist in Deinem Fall die Fingerdicke. Ich kann den Akkord in der Position problemlos spielen. Bei bestimmten Griffbildern ist es ratsam sich alternative Fingersätze anzueignen. Bei eingeschobenen A-Dur-Fingersätzen greife ich mit dem 1. Fingerglied des 3. Fingers ein Barrée über die 3 Saiten (z. B. auch Spanische Romanze).

Ich habe mir schon früh angewöhnt, alternativ zu greifen. Ich greife ja sogar STandard A-Dur mit nur Zeige- und Mittelfinger ;-)
Aber jetzt spiele ich Stücke, wo es keine alternativen Fingersätze gibt, es sei denn, ich muss dann einen Ton früher stoppen usw.
Ich vermute, dass ich das Problem auch mit breiterem Girffbrett nicht ganz lösen werde, aber ich will es vielleicht zumindest abschwächen. Der Tipp mit der Casha-Gitarre ist interessant, ich schau es mir an, vielen Dank!

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