Alte Lehre - Neue Lehre

Spieltechniken, Gitarristen, allgemeine Gitarristik (Konzertgitarre)
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klaus
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Alte Lehre - Neue Lehre

Beitragvon klaus » Mi 7. Jul 2021, 13:08

Hallo ..
noch ein Beitrag von mir um durchs Sommerloch zu kommen:
In dem Beitrag über verlorene Gitarreliteratur schreibt Ekkehard über den Ausspruch eines "bekannten Professors der Uni Darmstadt"

Das macht man heute nicht mehr.
...Aha....

Alte Lehre nicht mehr ZeitgemäB.

Naja, wenn ein bekannter Profe sowas sagt, wäre er sicher auch fähig, das in einem Satz zu begründen.
Was macht man nicht mehr so? Wo hat sich die alte Lehre überholt. Wann beginnt heute/ ab wann spricht man vonn alt?
Und was wird auch eigentlich gemeint mit "das". (Interpretation, Technik, Tongebung /Akkustik .sind neue Gitarrekonstruktionen Schuld ..was denn nun?)
Natürlich hört man einen Unterschied zwischen ..irgenwie heute... und irgendwie..irgenwann früher.
Der Unterschied beginnt natürlich in der Tonqualität (Aufnahmetechnik früher und heute ) , da gehen schon viele Detaills der alten Versionen flöten. Also kann man vielleicht so richtig keine wichtigen Detaills raushören.
Der Satz dieses bekannten Profes steht auch im Gegensatz zu anderen Bekannten Persönlichkeiten in der Gitarrewelt.
Beispiel Alice Artzt.. die Ida Presti (Jahrgang 1924 )für eine der gröBten je existierenden Gitarristen/innen hält. In mehreren Videos erklärt sie ihre Technik auf Youtube..also auch heute noch.

Mit einem bisschen gesunden Menschenverstand kann man auch Ungereimtheiten in der Logik feststellen.
Könnte man Tarrega vorwerfen, dass er oder seine Schüler wie Llobet und Pujol seine Werke wohl heute nicht mehr zeitgemäB spielen würden. Ok. Es gibt die wirklich guten Russeleinspielungen. Aber ich glaube nicht, dass David Russel den Meister damit in Frage stellen wollte .
Und dann noch was. Auch alte Lehren ( und damit veralteten nicht mehr zeitgemässe Partituren ) sollten man nicht in der Versenkung verschwinden lassen, weil sie zumindest s ein Stück Musikgeschichte sind und ausserdem auch ein vielleicht besseres Verständnis vermitteln um heute ältere Musik zu interpretieren oder erstmal einer guten Interpretation auf die Schliche zu kommen.

Natürlich gibt es neue Dinge , die heute in eine Interpretation einflieBen. Wie neue musikhistorische Erkenntnisse, Anpassung der Technik wegen Veränderungen im Gitarrebau... oder einfach ein anderes Gefühl von Hörgewohnheit.

Eine Sache, die ich sehe und gut finde: Es wird mit der Gitarre nicht mehr so "romantisiert". Aber das habe ich nie als Lehre gesehen, sondern nur als schlechte Angewohnheit und kann man aussen vor lassen.

Das wäre doch mal ein paar Kommentare wert. Was meint Ihr...Was, wie, warum spielt man heute anderes..?

L.G.
Klaus

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docsteve
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Re: Alte Lehre - Neue Lehre

Beitragvon docsteve » Mi 7. Jul 2021, 13:35

Einfache Antwort: weil heute heute ist und nicht mehr gestern :D

Natürlich ändert sich die Aufführungspraxis schon allein deswegen, weil jede neue Generation sich von der vorherigen absetzt und andere schöne Seiten an der Musik findet als die Altvorderen. Damit entwertet man das Alte ja nicht per se - schön bleibt es, man macht es aber heute anders.

Es spielt ja zB niemand mehr wie Bream, der unterschiedliche Klangfarben ganz häufig über unterschiedliche Anschlagpositionen erzielte und dabei manchmal sehr scharfe Kontraste erreichte. Man macht das jetzt halt anders, weniger sul ponte, und damit auch nicht mehr so cembaloartig wie er damals.

Ich glaube, ganz wichtig ist auch der veränderte Stellenwert der Klassik. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war das einfach der musikalische Mainstream, mit dem die Mittelschicht groß wurde. Inzwischen muss man sich aktiv in diese Tradition einhören; im Alltag läuft Pop im Radio. Da wandert einiges aus der lebendigen Praxis ins Akademische.

Und schließlich darf man auch nicht vergessen, dass auch Segovia mal neu und umstritten war, Bream und Williams sich schon von ihm abgesetzt haben... das Leben geht halt weiter. Das Neue ist das Erstrebenswerte, Normale; das Alte die Ausnahme. Das geht seit über hundert Jahren so, in der Kunst wie im Leben.

Viele Grüße Stephan
Viele Grüße Stephan

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klaus
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Re: Alte Lehre - Neue Lehre

Beitragvon klaus » Do 8. Jul 2021, 16:25

Hallo..
In meinem anderen Beitrag über Siegfried Behrend hat unser Mitglied -jowori -
einen Kommentar über Scheitbearbeitungen geschrieben, der auch hier rein passen würde.

viewtopic.php?f=42&t=5531

L.G.
Klaus

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Heike
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Re: Alte Lehre - Neue Lehre

Beitragvon Heike » Di 13. Jul 2021, 16:02

Da gibt es Moden, die in Wellen kommen und gehen.
Nach Segovia der supercleane und eher kühle Stil von Williams und dann Barrueco.
Heute geht auch schon mal wieder spielen mit Vibrato und schick krass Rubato.
Die Romeros haben immer mit viel Apoyando gespielt, és aber auch technisch so eingebaut, daß es keine andere Handstellung bedeutet.
Russell sagt, er nutze höchstens 5 Prozent Apoyando.
Neben den Doubletops parallel zur Zeit Rückbesinnung auf die Klänge von Simplicio und co., sowie der Gitarren des 19.Jahrhunderts.
Selbe Tendenzen bei Saiten.
Es gibt so viel gleichzeitig.
Warum werten? Einfach die Palette erweitern!

(Und kleine Randnotiz Bream erkennt man bei jedem Blindtest, das schaffe ich nicht bei jedem Kollegen der Gegenwart)

Aber ich bin doch froh, daß ich irgendwann von der Artzt-Haltung weg bin, hatte bei Teuchert über rechts angefangen.... :lol:

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klaus
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Re: Alte Lehre - Neue Lehre

Beitragvon klaus » Mi 14. Jul 2021, 08:19

Heike schreibt.
Es gibt so viel gleichzeitig.
Warum werten? Einfach die Palette erweitern!

Das sehe ich auch so.
Man erhält mehr Freiheit und kann "Altes" und "Neues" kombinieren/ergänzen.

L.G.
Klaus


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