Pavane pour une infante defunte

Spieltechniken, Gitarristen, allgemeine Gitarristik (Konzertgitarre)
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peterg
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Pavane pour une infante defunte

Beitragvon peterg » Fr 19. Jan 2018, 18:23

Die Pavane pour une infante defunte ist ja eines der bekanntesten Werke von Maurice Ravel. Als ich erstmalig auf Youtube die Fassung von Julian Bream für Gitarre solo hörte war ich hin und weg und sagte mir, das musst du lernen!
Soweit ich weiß stehen mindestens fünf Fassungen der Pavane für Gitarre solo in Notenform zur Auswahl:
- Arr. von Alan Gubbay, edited by J W Duarte
- Arr. von R. Dyens
- Arr. Emre Sabuncuoglu
- Arr. Luis Maria Vazquez
- Arr. K. Minami ref. to J. Bream 1966

Die Noten kann man sich in jeder Musikhandlung besorgen. Alternativ bei Google danach mit den Stichworten: „Pavane pour une infante defunte+guitar+den jeweiligen Arrangeur“ suchen. (@Moderator und alle Interessierte: Ich denke das war jetzt keine Urheberrechtsverletzung :D )
Siehe dazu auch: http://www.classicalguitardelcamp.com/v ... hp?t=14281

Die Fassung von K. Minami, entspricht fast 1:1 dem, was Bream in seiner wunderbaren Interpretation spielt. Allerdings merkte ich bald, dass diese Version für mich spieltechnisch eine Herausforderung darstellt. Faul wie ich von Natur aus bin, sah ich mir dann kurz die andere Fassung von Vazquez an (einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul).
Diese fährt aber im Vergleich zur Bream’schen Version auf sehr schmaler Spur, sie gefiel mir nicht und ich machte dann doch mit der Minami/Bream-Version weiter. Andere Versionen kenne ich nur vom Hören auf Youtube, aber ich persönlich bevorzuge ganz klar die Minami/Bream-Version. Diese ist mit Fingersatz versehen. Aber mit Fingersätzen ist es ja so eine Sache: Zwar sind sie letztendlich individuell festzulegen, andererseits gibt es aber zweifelsohne objektiv allgemeingültige Fingersätze die für ein leichtes Spiel klar nachvollziehbar sind. (Ihr kennt ja sicher alle das Video in dem Segovia einen Schüler aus seinen Unterricht wirft, weil dieser Segovias Fingersatz nicht verwendet).
Ich habe bei der Pavane den Fingersatz in einigen Punkten so angepasst, dass sie für mich leichter spielbar wird. Diese und einige allgemeine spieltechnische Aspekte möchte ich im Folgenden diskutieren. Die Profis hier werden darüber natürlich nur schmunzeln können, aber für engagierte Amateure die das Stück lernen möchten ist das folgende vielleicht hilfreich.

Anmerkungen, Diskussion und Kritik ist ausdrücklich erwünscht!

Ich beziehe mich auf den jeweils angegebenen Takt in der Fassung von K. Minami ref. to Bream:

Takt 1-6:
Der erste Eindruck eines Musikstückes ist ja immer besonders wichtig. Als ich mein Gezupfe das erste Mal aufnahm und anhörte, erinnerte mich das eher an einen Exerziermarsch denn an einen Schreittanz. Was ich damit meine, kann man bei dieser Aufnahme nachvollziehen:
https://www.youtube.com/watch?v=SYuQHG4175I
Mit anderen Worten, wenn man die Akkorde sauber anschlägt, dann klingt der Beginn also das Hauptthema der Pavane recht mechanisch (wie ein Uhrwerk). Wem das gefällt – gut! Eine Alternative wäre, unregelmäßig einige gebrochenen Akkorde einzustreuen. Außerdem kann sowohl das allgemeine Tempo als auch die Geschwindigkeit mit der man die Arpeggien spielt etwas variiert werden.
Technisch fühlte ich mich relativ lange in diesem allerersten Teil recht unsicher. Gebessert hat sich das durch zwei Maßnahmen: 1. Festes „Einstellen“ eines vollen Barres, so dass der Zeigefinger quasi als Anker dient und nur 3,4,5 bewegt werden. Einen vollen Barre über alle sechs Saiten stelle ich bereits ab Takt 1 ein auch wenn ich ihn erst später benötige (in Takt: 3, und dann auch 61), dann komme ich nicht durcheinander und muss ihn nur bundweise verschieben. 2. Exakte Festlegung des Fingersatzes der rechten Hand (a=e, m=H, i=G, p=D/A, wenn möglich!)

Takt 7-8
Während des ganzen Arpeggios müsste ja der volle Barre m. E. gehalten werden. D. h. es muss gleichzeitig mit der Zeigefingerspitze das tiefe H, mit Mittel- oder Ringfinger das cis und mit Kleinfinger das fis gegriffen werden. Dieses Arpeggio kann ich anatomisch nicht greifen. Ich müsste mit dem Mittelfingernagel das cis greifen da mein Zeigefinger einfach zu kurz ist. Hat jemand eine Idee dazu?
Da ich keine Bream’schen Tentakel habe, lasse ich das tiefe H weg. Andere machen das wohl auch so.
https://www.youtube.com/watch?v=7AXLyhzTFwE

Takt 9 und andere
Es gibt in diesem Arrangement viele große Griff- bzw. Lagewechsel, welche man sich dadurch deutlich erleichtern kann, dass man beim Wechsel einen Finger auf einer Saite belässt und diese als Leitschiene verwendet. Z. B.:
Takt 9, ab 3. Achtelnote / hier greife ich Barre und das H (9. Bund D-Saite) mit Mittelfinger. Barre und Mittelfinger verschiebe ich dann nur bis zum 10. Takt.
Ähnliches z. B. in
Takt 2, ab 7. Achtelnote / Barre 2.-7. Bund und Mittelfinger (fis-H)
Takt 13-14, ab 7. Achtelnote / die Notensequenz mit dem Griffwechsel A-gis-fis greife ich mit Ringfinger und verschiebe diesen.
etc.

Takt 13-26
Dieser sehr reizvolle Teil wird in sich wiederholt (ab Takt 20). Auf zwei Aspekte möchte ich hier hinweisen: 1. Besonders schön finde ich, sind hier Sequenzen von jeweils drei Akkorden mit aufsteigender Oberstimme und gleichzeitig absteigender Unterstimme (Takt 13, 15, 17 und 20, 22,24). Ich denke, man sollte unbedingt darauf achten, dass das gut rauskommt. Wenn es durch die Spreizung oder Griffwechsel etwas Mühe bereitet, lieber Rallentando spielen. Oder, auch am Anfang viel langsamer, als Viertelnoten -finde ich- klingt auch gut.
2. Dann gibt’s da noch einen Griffwechsel, an dem ich schier verzweifelt bin (Takt 16-17 und 23-24). Entschärft habe ich das für mich dadurch, dass ich den linken Mittelfinger, der gis greift sofort auf das tiefe H umsetze. Dann muss ich mich beim Umgreifen nur noch um linken Zeige- und Ringfinger kümmern und habe die anderen Finger zur Stabilisierung.

Takt 28-33
Man könnte sagen dieser Teil ist eine Pseudowiederholung des Hauptthemas. Also nichts durcheinanderbringen. Ansonsten sehe ich hier keine besonderen Schwierigkeiten.

Takt 34-35 und 66-67
Hier wiederholt sich das Arpeggio aus Takt 7-8. Auch hier kann man sich das Leben dann erleichtern, wenn man danach den Mittelfinger der beim Arpeggio zunächst cis greift sofort auf das H umsetzt.

Takt 40-41
Das ist in meinen Augen eine der schwierigsten Stellen des ganzen Stückes. Da hilft nur: „Er hat sich bemüht“. Die Kombination der zwei Achtelnotenakkorde mit der Flageolett-Triole in der sehr hohen Lage in Bream’scher Geschwindigkeit ist für mich jenseits meiner Möglichkeiten. Ein Trost ist, dass Profis diese Kombination auch entschärfen.
https://www.youtube.com/watch?v=3Fk3OzuhRnI

Takt 41, 45, 55
Wie gerade erwähnt ist die Kombination aus zwei Achtelnoten und einer Triole musikalisch sehr reizvoll. Mit etwas Übung geht das. Und das kann man sogar ohne Gitarre überall gut üben, Daumen schlägt die Triole, Langfinger die Achtelnoten. Meine Frau sagte neulich beim Fernsehen: „Was kratzt Du denn da so am Sofa rum.“

Takt 60-64
Hier nochmals das Hauptthema in einer anderen Verarbeitung. Da Takt 63-65 nochmals relativ schnelle Griffwechsel erfordern, empfiehlt es sich m. E. hier diesen Abschnitt bewusst langsam zu beginnen und das Tempo für diese schwierigere Passage langsam zu halten.
Bei der Passage ab Takt 63, ab fünfter Sechzehntelnote hat mir persönlich sehr geholfen, den Fingersatz der rechten Hand genau festzulegen (siehe Takt 1-6). Die Sequenz: (a/m/am/i) wiederholt sich im Takt 63-64 insgesamt dreimal.

Jetzt kann ich natürlich nicht neunmalklug über Fingersätze daherschwafeln ohne auch etwas zu liefern. Anbei also dann meine Version der „Toten Pavane für eine Prinzessin“.
(Ich wollte das Stück bewusst nicht mit Audacity fehlerfrei zusammenschnippseln, sondern es in einem Rutsch aufnehmen. So zusagen: Ehrlich - By fair means! Ich weiß, ich müsste es jetzt noch 100x spielen bevor es aufführungsreif ist. - Bin ich froh, dass ich kein Profi bin :D )
https://www.youtube.com/watch?v=qnLqA5O ... e=youtu.be
Wie gesagt:
Anmerkungen, Diskussion und Kritik ist ausdrücklich erwünscht!
Wer spielt/e diese Stück, evtl. auch in einer anderen Version und möchte an einer Diskussion teilnehmen?

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klaus
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Re: Pavane pour une infante defunte

Beitragvon klaus » Sa 20. Jan 2018, 09:55

Hallo Peterg
Da hast Du Dir ja ein schönes Stück ausgesucht.

Ich spiele dieses Stück nicht und habe auch die Noten nicht hier, darum werden Dir andere Forenmitglieder vielleicht konkretere Tipps geben können.
Ein paar Grundlegende Ideen möchte ich Dir aber trotzdem vermitteln.

Hören Dir vor allem Orginalversionen an, also vom Piano.

https://www.youtube.com/watch?v=9TdL_oIxpTQ

Viele Deiner Zweifel könnten damit schon aus der Welt geschafft werden.

Wichtig ist auch, dass du die Melodie klarer "singen" lässt. (Dann geht der "Marscheffekt" von alleine weg.

Hier ist übrigens die Pianopartitur. (https:// voranstellen)

imslp.nl/imglnks/usimg/4/48/IMSLP384819-PMLP03577-Maurice_Ravel_-_Pavane_pour_une_infante_d%C3%A9funte.pdf

Viel Spass beim Üben und ein schönes Wochenende.

Klaus

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Thomas
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Re: Pavane pour une infante defunte

Beitragvon Thomas » Sa 20. Jan 2018, 10:32

Von mir gibt es auch eine Bearbeitung (peermusic).
Neben der Klavierfassung würde ich mir auch die Orchesterversion ansehen.

Grüße
Thomas

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Bernd C Hoffmann
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Re: Pavane pour une infante defunte

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Sa 20. Jan 2018, 13:34

peterg hat geschrieben: (@Moderator und alle Interessierte: Ich denke das war jetzt keine Urheberrechtsverletzung :D )

Nein, das geht alles klar ;)

Ich habe auch eine Version vorliegen, weiß aber nicht welche. Gespielt habe ich sie nie. Ich glaube, sie stammt aus einem Antiquariatskauf von Hieber. Ich weiß nur, dass sie bei Schott erschienen ist.

Bream ist immer so ein Sache, was den Schwierigkeitsgrad bei den Fingersätzen betrifft; das ist bekannt. Deswegen sind seine Ausgaben für Verlage mehr ein Kostenfaktor als eine Gewinnoption.

Übrigens
Ich bin Administrator, kein Moderator ;)
Liebe Grüße
Bernd
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peterg
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Re: Pavane pour une infante defunte

Beitragvon peterg » Sa 20. Jan 2018, 17:52

Hallo,

vielen Dank für Euere Kommentare.
Aber ich bin nur Hobbyzupfer. Eine eigene Verarbeitung der Klaviernoten geschweige denn der Orchesterpartitur würde mich überfordern.

@Thomas
Ich bitte um Entschuldigung, dass ich Dein Arrangement nicht erwähnt habe. War mir nicht bekannt.
(Über die Seite von http://www.peermusic.de direkt konnte ich jetzt nichts finden. Sollte man vielleicht den Verlag mal drauf hinweisen.)
Es handelt sich offensichtlich um folgende Noten:
Ravel Maurice: A LA MANIERE DE ALEXANDER BORODINE (VALSE), PAVANE POUR UNE INFANTE DEFUNTE
Herausgeber: Koenigs Thomas
Besetzung: Gitarre GIT
Verlag: Musikverlag Peer Gmbh
Artikelnummer: Peer 12170
ISMN: 9790501870677
Wie ist denn die Schwierigkeit dieser Bearbeitung im Vergleich zu der von Minami oder Gubbay?

@Bernd
Ups!
Aber ich betrachte Dich halt nicht nur als Administrator sondern auch als Moderator :D

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klaus
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Re: Pavane pour une infante defunte

Beitragvon klaus » Sa 20. Jan 2018, 20:37

Peterg schrieb

Eine eigene Verarbeitung der Klaviernoten geschweige denn der Orchesterpartitur würde mich überfordern.


Darum geht es nicht. Vergleiche nur das Orginal mit den Bearbeitungen und treffe danach Deine persönlichen Entscheidungen ..So kannst Du auch die verschiedenen Versionen gegeneinander abwägen. Vom Orginal aus.
Ausserdem sieht Du so die musikalische Idee im Stück besser. Auch als "Hobbygitarrist".
Ach ja... und auch nur den orginalen Versionen zuhören, gibt Dir ein klareres Bild über den musikalische Aufbau...

L.G.
Klaus

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Thomas
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Re: Pavane pour une infante defunte

Beitragvon Thomas » So 21. Jan 2018, 10:17

Hallo Peter,
diese Bearbeitungen kenne ich leider nicht.

Hier eine Anmerkung, die ich immer meinen Editionen beifüge:

Die originalen Phrasierungs- und Artikulationsbezeichnungen sind weitestgehend beibehalten worden, obwohl sie auf einem anderen Instrument eine neue Bedeutung erhalten können. Diese Umsetzung überlasse ich absichtlich dem Gefühl der Interpreten.
Fingersatz und insbesondere ‚linke Hand Legati‘ sind häufig aus interpretatorischen Überlegungen entstanden. Sollte der Spieler alternative Ideen darstellen wollen, so möge er sich frei fühlen die Vorschläge des Bearbeiters zu ändern.
Wie bei allen Bearbeitungen sollte der Instrumentalist immer die originale Vorlage einsehen und sich die ursprüngliche Fassung anhören.

Grüße
Thomas

bassklampfe
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Re: Pavane pour une infante defunte

Beitragvon bassklampfe » Mi 14. Feb 2018, 21:06

peterg hat geschrieben:Aber ich bin nur Hobbyzupfer.

Und dann die Pavane spielen? Tiefstapler, das geht über Hobbyzupfen aber weit hinaus. ;)
______________
Gruß
bassklampfe


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