Klassik mit Verstärker?

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Bernhard Hiller
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Klassik mit Verstärker?

Beitragvon Bernhard Hiller » So 21. Aug 2022, 19:34

Gestern Abend hörte ich das Concierto de Aranjuez von Joaquín Rodrigo im Wiesbadener Kurhaus. Sean Shibe spielte meisterlich auf seiner Gitarre, begleitet vom Orchester des Schleswig-Holstein Musikfestivals unter Leitung von Christoph Eschenbach. Ein wunderbares Konzert.
Was mir auffiel: da war ein Mikrophon vor der Gitarre plaziert, und dann stand da noch ein Lautsprecher. Das bin ich aus klassischen Konzerten nicht gewohnt. Gewiss, eine Gitarre ist extrem viel leiser als irgendein anderes Soloinstrument, und ein Orchester kann eine Gitarre nebenher zudecken.
Wie sind hier eure Erfahrungen?

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docsteve
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Re: Klassik mit Verstärker?

Beitragvon docsteve » So 21. Aug 2022, 21:19

Ich habe das schon ein paarmal erlebt und finde es grundsätzlich in Ordnung. Gerade eine dezente Verstärkung über Mikrofon hilft dem Klang auf, ohne ihn zu verfälschen.

Was konkret das Concierto angeht: das Stück ist so komponiert, dass die Gitarre in Dialog mit dem Orchester tritt. Dabei ist die geringe Lautstärke quasi mit einkalkuliert. Wenn die Gitarre hier zu laut ist, gehen einige Effekte (meiner unmaßgeblichen Meinung nach) verloren, so zum Beispiel der Orchester Einsatz nach der Kadenz im zweiten Satz: die Gitarre wird immer lauter, bis dann hinterher das Orchester noch lauter einsetzt. Bei einer Verstärkung geht dieser Effekt gerne mal flöten – so zumindest meine Erfahrung.

Ich persönlich habe früher viel in Kirchen gespielt, dann meistens ein Mikrofon vor die Gitarre gestellt und einfach die vorhandenen Lautsprecher benutzt. Klingt wunderbar und sehr natürlich. Wenn man einen Verstärker benutzt, spielt man immer mit dem Verstärker, dann kann ich auch gleich die E-Gitarre nehmen.

Viele Grüße Stephan
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Bernhard Hiller
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Re: Klassik mit Verstärker?

Beitragvon Bernhard Hiller » Mo 22. Aug 2022, 19:34

docsteve hat geschrieben:Gerade eine dezente Verstärkung über Mikrofon hilft dem Klang auf, ohne ihn zu verfälschen.
Ja, das paßt zu meinem Eindruck: es war dezent, nicht aufdringlich, allerdings etwas Baß- und Nachhall-lastig.
Auch wenn Rodrigo die geringe Lautstärke der Gitarre durch das Dialog-Muster einkalkuliert hat: bei einem Konzertsaal für 1350 Besucher kommt auf den hinteren Plätzen ein wenig arg wenig an.

veetguitar
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Re: Klassik mit Verstärker?

Beitragvon veetguitar » Mi 24. Aug 2022, 19:00

Wenn die Betonung auf dezenter Verstärkung liegt, finde ich das vollkommen legitim und für Spieler, als auch Publikum wohltuend.
Voraussetzung wären aber:
- Ein wirklich hochwertiges Mikrophon (in der Regel Kondensator) und etwas Wissen über die Positionierung desselben.
- Ein guter Eq und jemand, der damit umgehen kann.
- Eine gute Verstärkeranlage.

Die Gitarre hat einen gewissen Dynamikbereich, der natürlich durch eine sehr gute Gitarre und einen guten Gitarristen ziemlich weit gedehnt werden kann.
Wenn ich in einem großen Raum oder in der Kombination mit anderen Instrumenten zu Kompromissen in Bezug auf Dynamik gezwungen werde, würde ich Verstärkung vorziehen.
Ich weiß nicht, ob sich das jeder hier vorstellen kann: Ich bereite die Musik musikalisch vor, sagen wir mit einem Dynamikbereich von pp bis ff und sehe mich aufgrund der Gegenheiten vor Ort gezwungen, stattdessen von mf bis ff zu spielen (oder gar f-ff).

Es braucht sehr viel Erfahrung, einzuschätzen, ob die von mir produzierten Klänge in der hintersten Reihe ankommen und beim Spielen entspannt zu bleiben, wenn man lauter spielen muss, als bei der Probe.

Ganz klar zielt die professionelle Ausbildung eines Gitarristen darauf ab, vor größerem Publikum unverstärkt zu spielen. Aber nicht jeder hat einen Klang wie David Russell oder Pepe Romero.

Die Klangästethik vergangener Tage (Ich denke etwa an Julian Bream oder Segovia) ist schon seit etlichen Jahren in den Hintergrund getreten. Es scheint einen viel zu hohen Prozentsatz von Gitarristen zu geben, die sich vor allem für Lautstärke interessieren.

Man könnte einfach die langschönsten Instrumenten eine wenig verstärken, statt Gitarren auf brachiale Lautstärke zu züchten, die fast immer mit einem Verlust an Klangschönheit einher geht.

Wenn jeder professionelle Gitarrist mit Verstärkung optimal umgehen könnte ( und z.B. ein eigenes, geeignetes Mikrophon besitzt), könnte das der klassischen Gitarre einige Türen öffnen.

bassklampfe
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Re: Klassik mit Verstärker?

Beitragvon bassklampfe » Do 25. Aug 2022, 16:19

Eine Verstärkung im "klassischen" Konzert ist immer noch selten. Dabei ist klar, dass ein Orchester immer deutlich lauter und dynamischer ist als eine Gitarre. Die Komponisten nehmen idR darauf Rücksicht und lassen das Orchester mehr oder weniger schweigen wenn die Gitarre spielt. Giuliani ist da ein gutes Beispiel, auch Rodrigo macht das so. Dennoch finde ich die Kombination unbefriedigend, und sie ist ja auch eher selten. Schon gegen ein (!) Cello hat eine Gitarre schlechte Karten, und die Gitarrenquintette von Boccherini sind von der Ausgewogenheit auch eher unglücklich, wenngleich sehr schön. Selbst bei den Aufnahmen gibt es Murks. Die Fassung mit Pepe Romero war lange meine einzige Aufnahme, und die ist völlig unterbelichtet.

Ein guter Akustikverstärker und ein gutes Mikro sind (nicht nur) für Profis erschwinglich. Ich hätte kein Problem damit, wenn im Orchetserkonzert neben dem Gitarristen eine kleiner Würfel steht. Nur gut klingen sollte er, da darf nicht gespart werden.

veetguitar schrieb:
"Es scheint einen viel zu hohen Prozentsatz von Gitarristen zu geben, die sich vor allem für Lautstärke interessieren."
:mrgreen:
______________
Gruß
bassklampfe

Bernhard Hiller
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Re: Klassik mit Verstärker?

Beitragvon Bernhard Hiller » Fr 26. Aug 2022, 17:27

Sean Shibe gehört schon zu den Profis.
Wikipedia schreibt über ihn:
"Sean Shibe (/ʃɔːn ˈʃiːbə/ shawn SHEE-bə;[1] born 1992) is a classical and electric guitarist from Edinburgh"

Und mit diesem Hintergrund hat er sicherlich weniger Berührungsängste mit Verstärkern.

Bernhard Hiller
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Re: Klassik mit Verstärker?

Beitragvon Bernhard Hiller » Fr 26. Aug 2022, 17:30

bassklampfe hat geschrieben:Schon gegen ein (!) Cello hat eine Gitarre schlechte Karten
Bei den im Hause des Musikers wohnenden Nachbarn ist es deswegen eher umgekehrt...


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