Jerónimo Maya

Fragen zum 'flamenco al toque', maestros, palos, compás, falsetas etc.
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Bernd C Hoffmann
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Jerónimo Maya

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Do 13. Aug 2020, 23:01

Jerónimo Maya stammt aus einer Flamencodynastie. Wenn ich es richtig auf dem Schirm habe, dann hat sein Vater bzw. seine Familie eine eigene Flamencoschule; vor gefühlten Tausend Jahren gab es dazu ein paar Videos auf Youtube. Jerónimo hat einen eigenen Stil, modern und sehr virtuos. Die Virtuosität zeigt sich nicht unbedingt in Temporekorden sondern oft auch in den ruhigeren Passagen, die er gezielt aufbaut. Vor 15 Jahren oder mehr gab es im Foro Flamenco einen Thread mit dem Titel "grimases en flamenco", wo er auch dargestellt wurde. Er hatte den Ausdruck im Gesicht, der ihn mit komischen Zügen eine besondere Eigenart verlieh und dem einen oder anderen Zuschauer irritierte Züge in den Blick setze. Aber eigentlich spielt das keine Rolle, wenngleich es auch ein persönliches Markenzeichen ist, wie auch bei Diego del Gastor (wir hatten beide schon in einem Thread von 2014). Jerónimos Stil ist eigenwillig individuell. Als ich damals die Videos aus der familieneigenen Flamencoschule sah, machte es auf mich den Eindruck, dass es nicht primär sein Stil war sondern der der Familie. Früher möchte ich das überhaupt nicht, und wenngleich ich einen seiner palos nie auch nur annähernd spielen kann, ist es heute die Vielseitigkeit, die mich fasziniert.

Viel Spaß!

Hier mit einer Soleá


Bulerías


"El Planeta", Siguiriyas


Hier in jüngeren Jahren mit einer Bulería. Der Mann neben ihm ist sein Vater


Hier noch jünger mit einer Alegría, die er seinem Vater gewidmet hat. Leider hört das Video abrupt auf


Ein Trailer zu seiner 4. CD
Liebe Grüße
Bernd
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Didi
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Re: Jerónimo Maya

Beitragvon Didi » Mo 14. Sep 2020, 18:02

Interessante Videoauswahl eines außergewöhnlichen Gitarristen,

die Soleá spielt er übrigends auf einer Gitarre von Francisco Sanchez,
Francisco, ein konsilianter älterer Herr und ein erfahrener Gitarrenbauer aus Estepa, baut sehr interessante Gitarren,
seine Blancas sind mit einem crispen, fast archaisch zu nennenden Ton einfach nur fantastisch
und zudem bei ihm direkt, auf Bestellung, zu einem erschwinglichen Preis zu haben.

Ich habe mir vor einigen Jahren eine Blanca aus Ahorn/Fichte bauen lassen,
die (trotz des Ahorns, Bernd :) ) super flamenco klingt und
im direkten Vergleich mit einer alten Reyes aus den 80er Jahren durchaus mithalten konnte.

Liebe Grüße Didi

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Bernd C Hoffmann
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Re: Jerónimo Maya

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Mo 14. Sep 2020, 19:03

Die Francisco Sánchez hat brachialische Bässe. Die hatte meine HSL 1F Especial auch, ebenfalls auch einen harten Diskant. Tatsächlich hatte sie den härtesten Diskant, den ich je bei einer Flamenca vorgefunden habe. Ich mag diesen "Knüppeldiskant" überhaupt nicht. Deswegen hatte ich sie verkauft. Die Francisco Sánchez hat eine sehr ähnliche Tendenz, aber nicht so ausgeprägt wie bei meiner HSL. Der Diskant ist mir trotzdem zu hart, gefällt mir nicht.

Bei Ahorn Blancas beobachte ich einen fetten und breiten Klang. Wie ich diesen "breiten" Klang anders beschreiben, weiß ich nicht. Das versteht vermutlich nur jemand, der schon einige Ahorn Blancas etwas genauer angespielt hat. Zypresse Blancas kriegen das nicht hin. Dafür lassen sie sich gut diese aggressive "Rotzigkeit" von vielen Gitarrenbauern angedeihen. Eine Flamenca, die das nicht ausgeprägt hat, verbunden guter Perkussion, ist keine Flamenca, die mir gefallen könnte. Hier muss jeder die Entscheidung nach seinem persönlichen Geschmack treffen.
Liebe Grüße
Bernd
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Didi
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Re: Jerónimo Maya

Beitragvon Didi » Di 15. Sep 2020, 15:57

Da muss ich Dir leider wehement widersprechen, lieber Bernd.
Eine Francisco Sanchez kann man mit einer HSL weder klanglich, noch von der Qualität her in einem Atemzug nennen.
Während viele HSL klanglich eher in Richtung Conde gehen und Manufakturgitarren sind (um das Wort Fabrikgitarre zu vermeiden),
sind die Gitarren von Francisco "guitarras artesanales, hecho a mano".
Die Bässe sind kräftig und von einer schönen Tiefe, hier von "brachial" zu reden, triff die Sache nicht und wirkt auf mich ungerechtfertigt abwertend.
Der Diskant ist überhaupt nicht hart, eher singend, aber mit dem nötigen Schuss Aggressivität.
Eine Francisco Sanchez hat ihren ganz eigenen, wie ich schon sagte, archaischen Klang. Wenn ich sie klanglich überhaupt in die Nähe einer anderen Gitarre bringen sollte, dann wäre das eine ältere Barba.

Für Qualität gibt es meiner Meinung nach schon objetive Maßstabe, welcher Klang einem letzen Endes gefällt, ist natürlich Geschmacksache, da gebe ich Dir gerne Recht.

Liebe Grüße Didi

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Re: Jerónimo Maya

Beitragvon Didi » Di 15. Sep 2020, 16:07

Kleiner Nachtrag:

Hier kann man eine Blanca, von José del Tomate gespielt, hören und sich selbst ein Urteil bilden:

https://www.flamencoguitarsforsale.net/jose-del-tomate/


José hat die Gitarre übrigends gekauft und gleich mitgenommen.

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Bernd C Hoffmann
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Re: Jerónimo Maya

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Mi 16. Sep 2020, 12:02

Dein Widersrprechen zeigt, dass wir ganz unterschiedliche Wahrnehmungen haben, die auch in der Beschreibung auseinander laufen aber trotzdem das selbe meinen. Mit "brachialischen Bässen" ist keineswegs etwas Negatives gemeint sondern genau das, was Du mit Deinen Worten beschreibst. Grundsätzlich kann ich mich insgesamt nur auf mein Gehör über meine Lautsprecher verlassen. Hinsichtlich des Diskants klingt die Gitarre im Video von José del Tomate ganz anders als im ersten Video, wobei eine gewisse Ähnlichkeit in der Grundsubstanz nicht von der Hand zu weisen ist. Festzuhalten bleibt auch, dass es sich um 2 verschiedene Gitarren handelt. Jerónimo spielt eine aus 2016, während José eine aus 2018 spielt. Im direkten Vergleich klingt die aus 2018 im Diskant deutlich präsenter und mit den Eigenschaften, die Du beschreibst, und es trifft tatsächlich meinen Geschmack. Für die in der Soleá kann ich das nicht sagen. Für die zweite noch etwas mehr Sustain, dann kommt sie in meinen ganz persönlichen Nice-to-have-Bereich, wenn auch nicht nach ganz vorne. Hierfür habe ich schon andere Ausgaben vorgeplant. Den Aspekt des Sustains haben immer mehr (wenn auch nicht viele) Gitarrenbauer wegen der Entwicklung zum konzertanten Flamenco schon aufgegriffen oder bieten es als Option an. Dieser ist einer der Aspekte, bei denen ich neben ausgeprägt aggressiven klanglichen Eigenschaften keinen Kompromiss eingehe. D. h., dass ich in meiner Entscheidung nicht zu dem Gitarrenbauer hingehe, der das kann (ich bin überzeugt, dass können fast alle) sondern der das schon über Jahrzehnte hinweg gemacht hat.

Nur, weil ich 2 Gitarren aus zurück liegenden Jahren von einem relativ jungen Gitarrenbauer erstmalig im Video gesehen habe, ist das kein Grund mich explizit dafür zu entscheiden. Die Pleite dabei hatte ich mit meiner HSL erlebt. Meine Kaufentscheidung kam zustande, nachdem ich sie in der Werkstatt besuchte und mir der Klang einer ganz bestimmten Negra, die nur 1x vorrätig war, vollkommen zusagte. Problem waren Mensur und Halsbreite, sonst hätte ich sie sofort gekauft. Das sei aber kein Problem, und letztlich hatte ich dann quasi eine Conde bekommen, die ich nicht wollte, inkl. aller individuellen Konfektionsvorgaben, d. h. ohne Rückgaberecht. Abgesehen von den optischen Schlampereien, die bei HSL offenbar sehr deutlich nachgelassen haben, haben die Brüder sich gut entwickelt.

Grundsätzlich stehen jüngere Gitarrenbauer, die sich selbständig machen, vor der Entscheidung eine Gitarre zu bauen, die eine möglichst große Zielgruppe anspricht oder im Kern auf extra bezahlte Individualität setzt. Was den Vater der HSL Brüder betrifft, war schon in den 90er Jahren klar: Wer den Conde Klang liebt und keine 8.500 € für eine A26 ausgeben wollte, hat sich das Topmodell von RSC für für 4.200 € gekauft. Die Kompromisse zur Media Luna lagen fast immer im Nuancenbereich. Die Entwicklung von Francisco Sánchez bleibt - aus meiner bescheidenen Sicht - abzuwarten. Um für ihn eine eindeutige Entscheidung über meine Vorlieben zu treffen, kenne ich ihn zu wenig, um ehrlich zu sein, bis auf die beiden Videos überhaupt nicht. Dass er authentisch professionelle und absolut hochwertige Substanz liefert, steht außer Frage. Für meine Präferenzen hat er aktuell relativ wenig Bedeutung. Es hat sich gezeigt, dass gute Instrumentenbauer, transparentes Auftreten vorausgesetzt, immer den Weg in die finanzielle Unabhängigkeit gefunden haben. Das wünsche ich dem Francisco Sánchez. Auch wenn man aus Käufersicht in bestimmten subjektiven Vorbehalten Zurückhaltung übt ;-)
Liebe Grüße
Bernd
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Re: Jerónimo Maya

Beitragvon Didi » Mi 16. Sep 2020, 16:50

Hallo Bernd,
alles gut, im Endeffekt liegen wir, wie Du schon sagtst, gar nicht so weit auseinander.
Ich wollte hier auch keinen Disput starten, sondern, nachdem ich das Video gesehen habe, einfach nur mal auf Fran aufmerksam machen,
da ich mich jeden Tag freue, wenn ich seine Gitarre in die Hand nehmen darf.
Ganz jung ist er leider nicht mehr, die 60 sind überschritten, aber er kann hoffentlich noch lange seine schönen Blancas bauen.
Wer sich interessiert findet auf Jordis Seite http://www.flamencoguitarsforsale.net viele Informationen und Klangbeispiele.

Liebe Grüße
Didi

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Re: Jerónimo Maya

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Mi 16. Sep 2020, 19:46

Einen Disput sehe ich absolut nicht, lediglich eine Bereicherung für einen mir bislang unbekannten Namen. Damit hast Du meinen Horizont etwas erweitert ;-)
Wo bist Du in etwa ansässig?
Liebe Grüße
Bernd
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Re: Jerónimo Maya

Beitragvon Didi » Do 17. Sep 2020, 15:11

Ich bin gebürtiger Kasselaner, lebe aber seit fast 40 Jahren in Berlin.

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Re: Jerónimo Maya

Beitragvon docsteve » Do 17. Sep 2020, 19:28

Ging das hier nicht mal um Jeronimo... ach egal.
Viele Grüße Stephan


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