Webseite Siegfried Behrend

Interessante Websites rund um die Konzertgitarre
Benutzeravatar
klaus
Beiträge: 566
Registriert: Mi 15. Mai 2013, 17:47
Wohnort: Barcelona

Webseite Siegfried Behrend

Beitragvon klaus » Mi 7. Jul 2021, 12:22

Hallo...
im Moment ist scheinbar wenig los im Forum...vielleicht Saisonbedingt. Darum möchte ich hier mal ein paar Themen zum Meinungs-und Erfahrungsaustausch einbringen.

Ein Thema ist Siegfried Behrend. Im Forum wurde ein paar mal auf ihn hingewiesen und auch etwas kommentiert.
In einem Thema über seine - Spanische Impressionen - meinte Bernd:
--Die Bearbeitungen von Behrend sind umstritten---.
Nun ja...zum Thema Spanische Impressionen könnte man sich da anschlieBen, obwohl es nachher wieder mal um Geschmacksfragen und/oder Autenzität und Ansichtssache ging.
Sein ganzes "Bearbeitungswerk" aber als umstritten zu bezeichnen ist meiner Meinung nach nicht so ganz gerecht. Weil bei dem Wort "umstritten" ja auch immer etwas von "fragwürdig" mitschwingt.
..
FAST hätte ich Behrend mal kennengelernt, als ich mich Ende der 70ger bei den "internationale Gitarrentage " bei Stuttgart (Fildern ) anmeldete. Da gab es Konzerte, Meisterkurse und Konferenzen rund um die Gitarre. Da hatte dann Behrend die Kurse geleitet und auch ein Konzert gegeben. Ich hatte mich aber leider für andere Dinge eingeschrieben, so dass ihn nicht erleben durfte. Aber ich habe viele andere Teilnehmer gesprochen, die auch bei Behrend zu gegen waren. Darunter auch schon recht namhafte Gitarristen und Studenten, von denen man dann auch später noch viel hörte. Und diese sprachen alle ganz begeistert von Sigi ( unter Freunden ). Von umstritten oder zweifeln...keine Spur.

über den Namen Behrend bin ich ein paar Jahre früher gestolpert, und zwar als ich anfing, mich für die die klassische Gitarre zu interessieren. ich sah mir im Musikhaus Berthold & Schwerdtner in Stuttgart immer den Notenstapel mit klassischer Gitarre an. Da dominierten dann die Namen wie Scheit, Behrend und auch Teuchert, Pujol etc.

Ich kann mich erinnern, dass ich mir da...noch ziemlich ahnungslos .... die d-moll Suite von Visee und das Prelude und Allegro von Santiago de Murcia kaufte.
Im Laufe meiner Entwicklung als Gitarrist und bei zunehmenden Kontakten zu anderen Musikern hörte ich natürlich auch diesen Kommentar. ( umstrittene Bearbeitungen ). Verunsichert wie ich war, habe ich mir dann zu den genannten Partituren eine Version von "seriöseren" Bearbeitern (Scheit - Pujol ) besorgt oder auch versucht an die Orginale zu kommen ( Das war vor Internet sehr schwer ). Dann auch mit dem nötigen theoretischen Rüstzeug habe ich sie dann verglichen. Und ich muss sagen, dass man jede Note (wenigstens von meinen Noten ) Behrends verantworten kann. Oder auch umgekehrt ausgedrückt: an jeder Stelle, wo ein Bearbeiter einen Kompromiss eingehen muss, hätte man auch die anderen Ausgaben in Zweifel ziehen können.
(Das einzige worüber ich meckern könnte war, dass bei der d-moll Suite Visees das wunderschöne erste Menuett fehlte.)
Später war dann das Lautenkonzert mit Streichern von Vivaldi drann. Da habe ich erst garnicht mehr einen Vergleich gesucht...und es hat auch niemand gebeckmessert.
Dann möchte ich auch noch auf seine Greensleeves Bearbeitung hinweisen. In ihrer Einfachheit für mich eine der schönsten Bearbeitungen, weil er die Melodie (im Bass ) in Arpeggien einwebt und so eine leichte perlende Begleitung erhält. Nicht so wie viele Andere, wo die Melodie schwer von Takt zu Takt mit Akkorden beladen vor sich hinstampft.
Wenigstens für mich ein Beispiel für eine ausgeglichene Kombination zwischen musikalischem Gehalt und technischem Anspruch.

Nachdem ich dann in der Zeitschrift Gitarre&Laute ein Interview mit ihm gelesen hatte, wurde mir klar, dass er sich da wohl irgendwie selbst in den FuB geschossen hatte, mit dem Kommentar, der auf vielen Bearbeitungen zu lesen ist: Titel soundso: Frei bearbeitet von Siegfried Behrend.
Im Interview darauf angesprochen meinte er, dass er damit eigentlich seinen Qualitätsanspruch verdeutlichen wollte. Er wollte damit in einem Satz erklären, dass eine Transkription für Gitarre oft mit Kompromissen einhergehen muss , weil die Eigenschaften, Stimmung, Stimmumfang etc. des Quellinstruments nicht immer auf die Gitarre übertragbar sind und er somit eine Entscheidung treffen muss, wie es denn nun sein soll.
Aber genau dieser Kommentar ist es, der die Leute dazu veranlasst eben doch seine Versionen zu zweifeln... "Weil Behrend da was Eigenes raus macht" ..so die irreführende Meinung.
Teuchert, Scheit Pujol und co. haben diesen Kommentar nicht auf den Noten stehen, gehen aber auch Kompromisse ein, aber das wird irgendwie als seriöser angesehen.
Ich glaube, dass viele, die Behrend kritisieren, ihn garnicht mal studiert haben, nur eben diesem Kommentar auf den Leim gingen. passiert ja oft.
Was irgendwie, irgendwo mal veröffendlicht wird, gilt als in Stein gemeisselt.

Wie in einem Link zu sehen ist, war Behrend ein sehr fleiBiger Bearbeiter. Darum kann ich natürlich nicht für jede Bearbeitung mein Hand ins Feuer legen. Und ich habe auch wirklich nicht viele Noten von Ihm.
Aber auch heute noch sind Werke oder Bearbeitungen von ihm noch weltweit in Lehrplänen empfohlen.

Auf jeden Fall war Behrend eine sehr interessante Persönlichkeit. : Kontaktfreudig, umtriebig, weltoffen, experimentierfreudig, neugierig ... ein Hans Dampf in allen Gassen, will heissen mit vielen musikalische Interessen und Einflüssen. Schliesslich hat er durch seine Arbeit in der Nachkriegszeit und kaltem Krieg auch noch zur Völkerverständigung beigetragen.
Und wenn es ihn nicht gegeben hätte, dann hätte man ihn erfinden müssen. Und bei seiner fruchtbaren Arbeit als Gitarrist, Lehrer, Bearbeiter und "Botschafter" der deutschen Kultur würde ich ihm auch schon mal eine vergeigte Bearbeitung durchgehen lassen. Aber noch mal: Das sollte man nicht verallgemeinern.

Auf dieser Seite wird die Erinnerung an Behrend hochgehalten. Lasst Euch von der Altbackenheit der Webpage nicht beirren. Mein Dank gilt Dr. Helmut Richter, der die Webseite immer noch pflegt.

http://siegfried-behrend.com/

Werkverzeichnis Behrend:

helmut-richter.de/gitarre/behrend.pdf

(wie immer: http:// voranstellen )

Naja..eigentlich würde ich gerne mal von Euch wissen, welche Erfahrung ihr direkt oder indirekt mit "Sigi" gemacht habt. (Noten, Begegnungen, Konzerte, Kurse, Konferenzen ... Zeitzeugen etc... )

L.G.
Klaus
Zuletzt geändert von klaus am Do 8. Jul 2021, 16:36, insgesamt 1-mal geändert.


Benutzeravatar
docsteve
Beiträge: 822
Registriert: So 4. Nov 2012, 16:00

Re: Webseite Siegfried Behrend

Beitragvon docsteve » Mi 7. Jul 2021, 13:20

Ich glaube, Siegfried Behrend war der erste Konzertgitarrist, den ich im Konzert gesehen habe - das müsste Ende der 70er Jahre gewesen sein, im Saalbau in Essen, im Rahmen eines gemischten Programms (ich erinnere mich deutlich an ein Stück für Orchester und Schreibmaschine). Er spielte damals das Concierto de Aranjuez, auch eine Premiere für mich. Zu ungefähr derselben Zeit kam dann Narciso Yepes mit seiner 10-saitigen und spielte die Alhambra - wieder etwas, was ich noch nie gehört hatte.

Natürlich konnte ich das damals überhaupt nicht einordnen, für mich waren beide beeindruckend. Insofern fühle ich mich auch zu keiner Kritik qualifiziert.

Jahre später habe ich dann die Impressionen einer spanischen Reise gespielt, auch die Duette. Wir waren mäßig begeistert, weil die Stücke halt über eine Stilkopie nicht rausgehen.

In dem Zusammenhang fällt mir sein Scherzoso für Gitarre und Bratsche ein, welches dann schon deutlich in Richtung Neue Musik geht. Hier habe ich leider nie eine passende Partnerin gefunden, und zwischenzeitlich auch eine der beiden Stimmen verlegt. Schade, das hätte viel Spaß machen können.

Danke für die Erinnerung!

Viele Grüße Stephan
Viele Grüße Stephan

rwe
Beiträge: 559
Registriert: Di 9. Dez 2014, 23:22

Re: Webseite Siegfried Behrend

Beitragvon rwe » Mi 7. Jul 2021, 17:38

docsteve hat geschrieben:Jahre später habe ich dann die Impressionen einer spanischen Reise gespielt, auch die Duette. Wir waren mäßig begeistert, weil die Stücke halt über eine Stilkopie nicht rausgehen.
Volle Zustimmung, aber Behrend hat die Stücke 1957 oder vorher (1957 ist der Verlagsdatum) geschrieben... - da war er max. 23 oder 24 Jahre alt, Massentourismus gab es noch nicht, Flamenco fing wohl gerade erst an, "öffentlich" zu werden (habe ich angelesen, war nicht dabei), "Authentizität" war noch kein Kriterium. Das macht die Stücke nicht besser, aber den Kontext verständlich. Und natürlich fand ich das als Gitarrenneuling in den 1970ern sehr spannend, weil ich wenig anderes kannte. Zwischendurch teilte ich Deine Einschätzung. Und heute finde ich es wieder spannend, weil ich den Kontext kenne:-) und die Stücke als solches schon wieder ein Stück Zeitgeschichte sind. Muss die Noten mal wieder rausholen.
Und in seinen Bearbeitungen war er "ehrlich", sein Eintreten für die neue Musik herausragend.
Danke für die Hinweise!

jowori
Beiträge: 19
Registriert: Di 13. Nov 2012, 22:27
Kontaktdaten:

Re: Webseite Siegfried Behrend

Beitragvon jowori » Do 8. Jul 2021, 15:37

Heike hat geschrieben:Unseriös ist Scheit!


Na hoppla! Die Aussage finde ich doch etwas gewagt.

Ich glaube, man geht nicht falsch, wenn man sagt, dass Karl Scheit seine Arbeit als Herausgeber von Gitarrenliteratur als sein eigentliches Lebenswerk erachtete.
Und dies mit großer Ernsthaftigkeit betrieben hat!
Auf Kritik bezüglich seiner frühen Ausgaben hat er ausführlich
im Gitarre-Laute Interview Stellung genommen, mit Hinweis zur Situation der Gitarre im Allgemeinen und
den Ansprüchen und Möglichkeiten der Spieler im Besonderen.
Dem veränderten Zeitgeist entsprechend hat er später wesentlich an der Verbesserung von Quellenangaben, Beilegung von Faksimilie etc. gearbeitet.
Aber auch manche seiner ganz frühen Ausgaben sind vorbildlich.
Z.B. Carcassi Etüden mit Vorübungen zur Struktur und Übehinweisen,
was zu dieser Zeit keinesfalls selbstverständlich war.
Womit ich eher Probleme habe sind die Fingersätze in seinen Ausgaben (insoferne sie von ihm und nicht von seinen Assistenten stammen). Aber Fingersätze sind ein persönliches Statement und in dem Falle ziehe ich jedes Statement dem Fehlen eines solchen vor.

Eines meiner ersten "klassischen Stücke" war die Melancholy Galliard von John Dowland in der Scheitausgabe mit tiefem D. Ich würde nicht wagen das Stück heute in der Form zu spielen,
da ich nicht den Aufschrei der Puristen provozieren möchte. Aber ich mag es immer noch so lieber. :oops:
(Die späteren Scheitbände mit Werken John Dowlands sind dann selbstverständlich mit tiefem E und fis-Stimmung, auch die erwähnte Galliard.)
Der UE- Verlag hat ja nach Scheit's Tod die "Neue Scheit Ausgabe" von Fachleuten der Aufführungspraxis herausgeben lassen. Ohne nachhaltigen Erfolg.

Ich persönlich ziehe immer eine gut gemachte "gitarristische" Variante einer langweiligen "authentischen" Version vor. Ich habe auch nie verstehen können, wieso man bei Lautenmusik ein Kapotaster verwenden muss, um quasi als Terzgitarre, seiner Klangfülle beraubt in originaler Tonart zu spielen.
Narciso Yepes hat einige großartige "gitarristische" Bearbeitungen alter Musik herausgegeben, die ich jeder
notengetreuen Ausgabe vorziehe.
Wenn ich Musik , welche nicht für die heutige Gitarre geschrieben wurde, notengetreu und aufführungspraktisch authentisch spielen oder hören möchte,
dann eben mit dem entsprechenden Instrument; Laute, Vihuela, Barockgitarre etc.

Aber jetzt habe ich mich etwas verlaufen, denn dies wäre ein eigener Thread.

Ergänzend möchte ich noch hinzufügen;
während meiner Studienzeit bei Scheit hatte ich die Bachsuiten sowohl von ihm als auch von Teuchert parallel als Grundlage genommen. Da der Unterricht in Meisterklassenmanier stattfand, d.h. die Stücke auswendig vor der Klasse vorgetragen wurden, konnte es vorkommen, dass beide Ausgaben auf seinem Notenpult lagen. Das war kein Problem und konnte diskutiert werden.
Unseriös ist anders... ;)
Lieben Gruß,
Jowori

Benutzeravatar
klaus
Beiträge: 566
Registriert: Mi 15. Mai 2013, 17:47
Wohnort: Barcelona

Re: Webseite Siegfried Behrend

Beitragvon klaus » Do 8. Jul 2021, 16:31

Hallo Jowori..
danke für deinen interessanten Beitrag.
Das Thema hat auch was, wie du selbst schreibst mit Zeitgeist zu tun und passt auch gut in den Beitrag ..
Alte Lehre neue Lehre.

viewtopic.php?f=16&t=5532

L.G.
Klaus

bassklampfe
Beiträge: 1255
Registriert: Mi 14. Nov 2012, 16:56

Re: Webseite Siegfried Behren

Beitragvon bassklampfe » Fr 9. Jul 2021, 17:46

Die Qualität der Bearbeitungen dieser Zeit kann ich nicht wirklich seriös beurteilen, wohl aber die Fingersätze der von mir gespielten Ausgaben. Da finde ich Scheit unbequem, der hat wirklich alles gegriffen um Leersaiten zu vermeiden. Und Behrend häufig ungitarristisch und auch oft unbequem. „Das macht man heute anders“. Teucherts Fingersätze finde ich oft gut.
______________
Gruß
bassklampfe
SUCHE: Biedermeier- / Romantische Gitarre mit 7 oder mehr Saiten

Benutzeravatar
Bernd C Hoffmann
Administrator
Beiträge: 5231
Registriert: Mi 24. Okt 2012, 18:30
Wohnort: Fulda

Re: Webseite Siegfried Behren

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Mo 12. Jul 2021, 21:18

bassklampfe hat geschrieben:Die Qualität der Bearbeitungen dieser Zeit kann ich nicht wirklich seriös beurteilen, wohl aber die Fingersätze der von mir gespielten Ausgaben. Da finde ich Scheit unbequem, der hat wirklich alles gegriffen um Leersaiten zu vermeiden. Und Behrend häufig ungitarristisch und auch oft unbequem. „Das macht man heute anders“. Teucherts Fingersätze finde ich oft gut.

Das sehe ich auch so.
Liebe Grüße
Bernd
:
Tabulaturservice => Liste anfordern!

kallemann
Beiträge: 130
Registriert: Do 3. Jan 2013, 17:57

Re: Webseite Siegfried Behrend

Beitragvon kallemann » Di 13. Jul 2021, 10:39

Falls nicht bekannt! Wer sich für Behrend interessiert kann sich Lesestoff besorgen. Maren Trekel ( Trekel Musik-Verlag Hamburg ) hat vor geraumer Zeit ein Buch geschrieben zum Thema Behrend samt Biographie.


Zurück zu „Web-Ressourcen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder