Schülerniveau 90er vs. heutzutage

Unterrichtsformen, Methodik, Didaktik, die Gitarre aus pädagogischer Sicht

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Coraghessan

Schülerniveau 90er vs. heutzutage

Beitragvon Coraghessan » Fr 13. Jun 2014, 08:30

Wenn ich das richtig mitbekommen habe. sind ja hier auch einige Gitarrenlehrer in Forum, an die richtet sich meine Frage, besonders an die etwas betagteren. Habt ihr auch den Eindruck, dass das allgemeine Schülerniveau in den 90er Jahren höher war, als das heute der Fall ist? Ich erinnere mich, dass ich damals einige Schüler hatte, die auf dem Niveau des 2.Bandes der Teuchertschule klassische Gitarre spielten, während ich in späteren Jahren meinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit Liedbegleitungskursen für Jugendleiter/Erzieherinnen, Anfängerunterricht für Kinder im Grundschulalter und Green Day verdient habe. In einer Radiodiskussion hat ein Klarinettenlehrer mal die gleiche Beobachtung geschildert. Er machte dafür aber hauptsächlich das Internet verantwortlich, während ich dachte, es sei der Zeitmangel durch G8. Wie seht ihr das? Na ja, ich schalte jetzt auf jeden Fall den Rechner aus und widme mich meinem Instrument... ;)

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Bernd C Hoffmann
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Re: Schülerniveau 90er vs. heutzutage

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Fr 13. Jun 2014, 18:30

Ich sehe es ähnlich. In den 90ern stand ich unterrichtsmäßig gut im Saft. Ab ca. 2002 ging das Niveau herunter. Ich schiebe es nicht nur auf damals neuen Medienkonsum des Internets sondern auch auf die Schulbelastung und der offensichtlichen Unfähigkeit von Eltern, die ihren Kindern keine oder nur lückenhafte Organisationsfähigkeit und Zielstrebigkeit vermittelten. Es hatte sich oft gezeigt, dass Kinder (die später auch als Jugendliche noch in meinem Unterricht waren) vor lauter Angeboten an Freizeitinflation gar nicht mehr wussten, wie sie das regelmäßige Gitarrenpensum im Tagesablauf unterbringen wollen. Dies hatte ich mir eine Zeit lang angeschaut und habe die betreffenden dann, wenn sich nichts änderte, gefeuert. In 2002 hatte ich auch meinen Unterrichtsplan auf die geänderten Erfordernisse angepasst. Konkret ging es darum, den Stoff zu strecken. Dabei hatte ich selbst Motivationsprobleme. Die habe ich dann gelöst, indem ich Workshops ausschrieb mit Themen die mich zunächst nur selbst interessierten. Dabei ließen sich öfters interessierte Schüler gewinnen, die mich zum Teil richtig forderten. In den letzten Jahren hatte sich alles mehr in den Schwerpunkt zur Liedbegleitung verschoben, was vom Niveau her eigentlich indiskutabel war.
Liebe Grüße
Bernd
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andi33x
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Re: Schülerniveau 90er vs. heutzutage

Beitragvon andi33x » Fr 13. Jun 2014, 19:08

Ich kann das zwar nicht direkt beurteilen, habe aber einige Generationen von Schule mitbekommen. Die Politik, besonders hier in Bayern, hat das Schulsystem systematisch derartig kaputtgemacht, dass mich das mit dem Musikunterricht keineswegs wundert. Wenn man hier Gymnasiast ist, kann man an kulturellen Dingen nicht mehr wirklich interessiert sein. Man hat viel zu lange Schule, beschäftigt sich dort mit sinnlosem Stoff (5 fach bayerische Geschichte und ähnlichem Kram), und es wäre auch so völlig sinnlos, weil die da nachmittags eh nichts mehr wirklich lernen können. Vielleicht ist die Schule, die ich kenne auch besonders schlimm, aber 9 Stunden Schule ohne Mittagspasue spricht ja für sich. Ich weiß aber nicht, wie das in anderen Bundesländern ist.

agustin
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Re: Schülerniveau 90er vs. heutzutage

Beitragvon agustin » Sa 14. Jun 2014, 20:34

Bernd C Hoffmann hat geschrieben:Ich sehe es ähnlich. In den 90ern stand ich unterrichtsmäßig gut im Saft. Ab ca. 2002 ging das Niveau herunter. Ich schiebe es nicht nur auf damals neuen Medienkonsum des Internets sondern auch auf die Schulbelastung und der offensichtlichen Unfähigkeit von Eltern, die ihren Kindern keine oder nur lückenhafte Organisationsfähigkeit und Zielstrebigkeit vermittelten. Es hatte sich oft gezeigt, dass Kinder (die später auch als Jugendliche noch in meinem Unterricht waren) vor lauter Angeboten an Freizeitinflation gar nicht mehr wussten, wie sie das regelmäßige Gitarrenpensum im Tagesablauf unterbringen wollen. Dies hatte ich mir eine Zeit lang angeschaut und habe die betreffenden dann, wenn sich nichts änderte, gefeuert. ..... In den letzten Jahren hat sich alles mehr in den Schwerpunkt zur Liedbegleitung verschoben, was vom Niveau her eigentlich indiskutabel ist......


Dito, bei mir begann das Niveau ca. 2005 abzusinken.
gruß,
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veetguitar
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Re: Schülerniveau 90er vs. heutzutage

Beitragvon veetguitar » Sa 14. Jun 2014, 22:40

http://www.welt.de/wissenschaft/article ... eiben.html

Etwa 70 Prozent der Schüler brächten nach dem Kindergarten nicht mehr die nötigen motorischen Voraussetzungen für das sogenannte Kritzel-Alphabet mit, sagte die Nürnberger Bildungsforscherin Stephanie Müller der Nachrichtenagentur dpa. Diese zeichnerischen Elemente wie kleine Schleifen, Schlangen- oder Zickzacklinien seien die Grundlage für verbundene Schriften mit Buchstaben, die ineinander übergehen wie bei der Schreibschrift.

Die Gründe seien unter anderem: zu wenig Bewegung, fehlende Fingerfertigkeit, keine Eltern als Vorbilder und moderne Geräte wie Smartphones und Tablet-Computer.

"Die Kindheit heute ist nicht mehr so bewegt", sagt Müller. Früher habe man viel draußen gespielt, sei rumgehüpft und auf Bäume geklettert. "Heute können Kinder in der dritten Klasse nicht mal mehr gerade rückwärtsgehen oder freihändig auf einem Bein stehen."

Eigentlich logisch, dass die Motorik beim Instrumentalspiel da auch leidet

Coraghessan

Re: Schülerniveau 90er vs. heutzutage

Beitragvon Coraghessan » Mo 16. Jun 2014, 13:37

Interessante Meinungen, wenn ich auch nicht in allen Punkten übereinstimme:
Es hatte sich oft gezeigt, dass Kinder (die später auch als Jugendliche noch in meinem Unterricht waren) vor lauter Angeboten an Freizeitinflation gar nicht mehr wussten, wie sie das regelmäßige Gitarrenpensum im Tagesablauf unterbringen wollen.

Das sehe ich nicht so als typisches Phänomen der letzten Jahre. Wer in den 80ern seine Freizeit lieber gesellig, als in trauter Zweisamkeit mit seinem Instrument verbringen wollte, ging zwei mal die Woche ins Fußballtraining, einmal in die Pfadfingdergruppenstunde, einmal in die "Neigungsgruppe Basteln", traf sich mir Freunden oder suchte sonst Möglichkeiten aus der Vita contemplativa in die Vita aktiva zu fliehen...

Eigentlich logisch, dass die Motorik beim Instrumentalspiel da auch leidet

Ich habe eigentlich bei Kindern keine Verschlechterung der Motorik in dem von mir angesprochenen Zeitraum festgestellt. Der Tatsache, dass Kinderhände halt nicht so geschickt, wie die von Jugendlichen sind tragen ja auch zahlreiche Kindergitarrenschulen wie die Gitarrenfibel oder Lilli und Moro Rechnung.
Mein Problem ist eher, dass die Kontinuität verloren gegangen ist, in den 90ern habe ich öfter als quasi als Belohnung für einen engagierten Kinderunterricht miterleben dürfen, wie diese Kinder dann als Jugendliche noch längere Zeit auf Mittelstufenniveau musizert haben, während sie später meist so mit 11 oder 12 die Flinte ins Korn, äh, die Gitarre in den Keller geworfen haben.

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Bernd C Hoffmann
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Re: Schülerniveau 90er vs. heutzutage

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Mo 16. Jun 2014, 14:02

Die richtigen "Malocherjahre" hatte ich in den 90ern. Die Situation in den 2000ern steht oben. Im Oktober 2007 habe ich den Unterricht endgültig an den Nagel gehängt. Neben meinem Noble Cases Bruchprojekt kamen auch vorher schon strukturelle Probleme hinzu, die ich bewusst abgelehnt habe, weil ich mir meine Preise nicht diktieren lasse. Allerdings hatte ich für gewisses Niveau auf Nabelschnurhöhe schon einige Jahre gearbeitet. Darauf hätte ich auch für den besten Preis keine Motivation mehr aufgebracht. Bei allem Hin und Her, die eine gewisse Abhängigkeit vom Unterricht mit sich bringt, sollte man wissen, wie weit man bereit ist, nach unten zu gehen. Ich habe meine Entscheidung jedenfalls nicht bereut.
Liebe Grüße
Bernd
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