Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Unterrichtsformen, Methodik, Didaktik, die Gitarre aus pädagogischer Sicht

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Uncle Mat
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Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Beitragvon Uncle Mat » Di 24. Jan 2017, 21:17

Hallo,

ich unterrichte seit etwa einem Jahr als Quereinsteiger an einer privaten Musikschule. Vorwiegend geht es bei meinen Schülern um die E-Gitarre und um Liedbegleitung. Allerdings habe ich jetzt auch einen erwachsenen Klassik-Anfänger und muss mein Wissen aus der Jugend hervor holen. Meine Technik ist soweit zwar vorzeigbar, aber ich habe festgestellt, dass ich beim Thema "Wechselschlag" (im, ma, ia) usw. Unsicherheiten habe. Ich bilde mir zwar ein, dass ich den für mich besten Fingersatz bei einem Stück herausarbeiten und es dann auch gut damit spielen kann, aber mir fehlt im Endeffekt wohl irgendwie die echte Kompetenz um das Thema auch gut zu erklären. Daher werde ich ab Februar selber Unterricht nehmen, um das aufzubessern.

Da ich aber aktuell ein Vakuum habe, hier ein paar hoffentlich nicht zu doofe Fragen an die Klassikexperten:

1. Sollte der Wechselschlag grundsätzlich strikt durchgezogen werden, oder gibt es viele Ausnahmen (z.B. eine halbe oder längere Note vor einem Taktwechsel oder Melodiewiederholungen bei denen eine Wiederholung auch des FIngerstazes musikalisch sinnvoll sein könnte) ?

1a. Wenn ich z.B. das Kinderlehrbuch "Fridolin" oder den "Gitarrenstarter" nehme: Dort sind Stücke drin, die in den ersten zweit Takten Fingersatzangaben für die rechte Hand haben. Bedeutet das immer, dass man genau diesen Fingersatz in jedem Takt bis zum Schluss des Stückes durchziehen sollte?

2. Gibt es zum Thema Wehselschlag und Saitenübergänge inzwischen als anerkannt geltende Grundregeln?

3. Sollte man eine konsequenten Wechselschlag auch schon von einem Anfänger erwarten, z.B. auch einem Achtjährigen, oder ist da die Gefahr einer Überforderung gegeben ?

4. Sind Übungen, die alle möglichen Saitenübergangs-Fingersätze (im, mi, ma, am, ia, ai) beinhalten unabdingbarer Standard in der technischen Ausbildung ?

5. Hat jemand eine Philosophie zu dem Thema, die er griffig und verständlich darstellen kann ?

6. Habe ich eine Frage vergessen ;-) ?


Ich bin mal gespannt….


Liebe Grüße in die Runde,


Mat.

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Bernd C Hoffmann
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Re: Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Di 24. Jan 2017, 21:52

Hallo Uncle Mat,

herzlich willkommen im Forum! Lustiger Nickname :-)

Deine Fragen sind soweit vollständig. Das ganze in die Ebene einer Philosophie zu erheben, halte ich für zu hoch genommen. Zu der Problematik kann ich Dir ein Video bzw. ein paar Videos machen, wo exemplarisch die meisten Situationen abgedeckt sind. Es sind nicht wirklich viele, aber durch das Hintergrundwissen lässt sich schnell für jede Situation eine Lösung finden. Kostet allerdings ein bisschen was.

Wenn Du mit Fridolin noch nicht gearbeitet hast, dann wirst Du feststellen, dass Du ab einer Stelle mit dem Buch nicht mehr weiter kommst, weil der Übergang zum nächsten Spielstand fehlt; hier wird spontan Sekundärliteratur erforderlich.
Zu den Fingersätzen:
Es gilt: Je mehr man lesen muss, desto schwerfälliger wird der Spielfluss! Deswegen gibt man nur anfangs den Fingersatz vor und setzt ihn im Folgenden als bekannt voraus.

Wenn Du eine exemplarische Videoanleitung mit konkretem Bezug zur klassischen Gitarrenliteratur haben möchtest, dann schicke mir bitte eine Email.
Liebe Grüße
Bernd
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Thomas
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Re: Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Beitragvon Thomas » Do 26. Jan 2017, 09:09

Hallo Mat,
ich empfehle sogar in meiner Gitarrenschule ausdrücklich, bei langsamen Melodien, die Töne nur mit einem Finger der rechten Hand zu erzeugen.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas

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Re: Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Beitragvon courante » Mo 20. Feb 2017, 20:09

Der konsequente Wechselsclag ist ein Denkmodell, das in einer idealen Welt 1 zu 1 umgesetzt werden könnte.
In der Praxis muss man die ein oder andere Abweichung davon in Kauf nehmen (lange Töne, Pausen, vierstimmige Akkorde mit nachfolgender Melodie...)

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Re: Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Beitragvon Heike » Di 21. Feb 2017, 11:21

Konsequenter Wechselschlag ist einfach erstmal eine Basistechnik wie abwechselnd den rechten und den linken Fuß beim Laufen zu benutzen :lol: , man sollte es also können, ohne darüber nachdenken zu müssen.
(Im Flamenco gibt es ja noch das Durchziehen des i-Fingers im Apoyando, bei Abwärtsläufen beginnt dann jede neue Saite mit i.)
Heute benutze ich Wechselschlag allerdings sehr konsquent, die Information abzuspeichern, wann und wo ich das "Pattern" verlasse, ist ja jedesmal eine zusätzliche Ansage im unter Bühnenbedingungen wiederabrufbaren nötigen Wissen über die Stücke, ich merke mir bei größeren Passagen dann nur noch mit welchem Finger es losgeht, der Rest ist dann automatisch. Erspart viel geistigen Stress und ich bin auch gewöhnt,dafür Überkreuzungen oder mal ne unbequeme Ecke in Kauf zu nehmen...
Gilt aber alles für nur Melodiespiel oder Melodie und Daumenbässe, sobald es mehrstimmig wird, gibt es ab einem gewissen Schwierigkeitsgrad ja keine Chance mehr auf Wechselschlag.
Trotzdem: Um Tanzen zu können, sollte man erstmal laufen lernen.

JörgWagner

Re: Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Beitragvon JörgWagner » Di 21. Feb 2017, 12:43

Hi,
man muß Heike, insbesondere, was ihren letzten Satz angeht, uneingeschränkt recht geben.
Allerdings haben z. die Lautenisten mit dem Daumen-Zeigefinger-Wechselschlag und im weiteren Verlauf dem Ausbau dieser Technik gemäß den wachsenden technischen und musikalischen Bedürfnissen interessante Akzente gesetzt, die durchaus auch geeignet sind, die "heilige Kuh" Wechselschlag differenzierter zu betrachten.
Zudem gibt es - spätestens seit Tarrega - mit der Emanzipation des Ringfingers - interessante und intelligente Lösungen rund um das Phänomen der ungeliebten Überkreuzungen. Trotzdem steht Heikes Satz vom "laufenlernen" zunächst mal in Stein gemeißelt. Heinz Teuchert mit seinen Bachausgaben hat übrigens für die rechte Hand z.T. interessante und kluge Fingersätze geliefert (sehen wir mal von seiner "Texttreue"ab.
Jörg Wagner

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Re: Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Beitragvon Thomas » Di 21. Feb 2017, 15:56

Klar, Wechselschlag ist eine ganz wichtige Technik die geübt werden muss. Besonders für schnellere Läufe. Ich möchte aber noch etwas ausführlicher Erklären warum ich die Einfingertechnik für langsamere Melodien so empfehle. Jeder Finger klingt leicht anders. Dies liegt nicht nur am Nagel, sondern auch an der Anatomie des Fingers. Vor allem an der Form der Kuppe. Anmerkung: Ich bevorzuge eher einen kürzeren Nagel. Mit einem Finger ist es leichter einen homogenen Klang zu erzeugen.
Bei Melodien auf den Diskantsaiten benutze ich vorzugsweise den Zeigefinger. Klingt bei mir am besten. Die Erfahrung mit Studenten hat mir gezeigt, dies ist nicht nur bei mir so. (Anatomie).

Viele Grüße
Thomas

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Re: Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Di 21. Feb 2017, 16:09

JörgWagner hat geschrieben:man muß Heike, insbesondere, was ihren letzten Satz angeht, uneingeschränkt recht geben.

Nö, muss man nicht. Ich klugsch...ere über diesen Satz:
Heike hat geschrieben:(Im Flamenco gibt es ja noch das Durchziehen des i-Fingers im Apoyando, bei Abwärtsläufen beginnt dann jede neue Saite mit i.)

Das ist und war absolute Exotentechnik, die fast niemand mehr praktiziert. Juan Serrano hatte bspw. beim Wechsel auf die tieferklingende Saite den letzten Finger durchgezogen. Auch das praktiziert kaum jemand.

Den Ansatz von Thomas sehe ich öfters, auch bei Flamencogitarristen, und hatte es mal probiert. Die Tondifferenz habe ich wahrgenommen, ich entschied mich aber für den herkömmlichen Wechselschlag.
Liebe Grüße
Bernd
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Re: Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Beitragvon Heike » Mi 22. Feb 2017, 12:16

Hihi, dann klugsch.....e ich mal zurück: :lol:
Den durchgezogenen i-Finger habe ich von Pepe Romero gelernt, der diese Technik auch immer noch heute in eigentlich jedem (Abwärts-)Apoyandolauf benutzt- und alle seine Studenten lernen es von ihm - ob sie es langfristig anwenden, ist eine andere Frage.
Aber sie ist noch nicht ausgestorben, das kleine gallische Dorf namens Romero pflegt sie!
Und seit ich doch immer mal tanze und nicht nur laufe auf der Gitarre, finde ich es wunderbar, diese Technik auch im Portfolio zu haben!

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Re: Wechselschlag, Saitenübergänge, Übungen

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Mi 22. Feb 2017, 12:53

Das habe ich mir schon gedacht :-)
Pepe ist auch einer der letzten wenigen, der kontinuierliche 6er Rasgueos mit der ganzen Hand spielt. Die Frage, ob man es ändern soll, beantwortet sich von selbst, wenn man etwas tadellos Funktionierendes das ganze Leben gespielt und damit verinnerlicht hat, während zeitgemäße Gitarristen es anders machen. Bei diesem Beispiel kenne ich nichts, was die Hand mehr ermüdet. Aber Pepe hat eine immense Ausdauer, weil er das Zusammenspiel von Spannung und Entspannung der beteiligten Muskulatur exzellent beherrscht.
Liebe Grüße
Bernd
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