Handhaltung des Schülers

Unterrichtsformen, Methodik, Didaktik, die Gitarre aus pädagogischer Sicht

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Bernhard Hiller
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Handhaltung des Schülers

Beitragvon Bernhard Hiller » Mo 18. Nov 2013, 18:24

Wie sehr achtet ihr eigentlich bei euren Schülern auf eine korrekte, lockere Haltung der linken Hand?
Der Hintergrund meiner Frage ist folgender: ich hörte und sah meinen Neffen beim Gitarrenspiel (er ist nun 10 Jahre alt, und lernt seit gut zwei Jahren). Er spielte ein Stück von Carcassi (so um die Nummer 100 der Gitarrenschule von Teuchert). Da fiel mir seine arg verkrampfte Haltung der linken Hand auf, der Daumen sehr weit oben, so daß er ihn nur nur noch umknicken bräuchte, um die 6te Saite niederzudrücken; auch der Daumenballen liegt am Hals an. Außerdem griff er keine Akkorde komplett (nicht einmal C-Dur), sondern die einzelnen Saiten erst dann, wenn er dort gerade eine Note brauchte (mal abgesehen davon spielte er das tiefe C nicht nur mit 3 auf dem dritten Bund sondern zusätzlich mit 2 auf dem zweiten, und zog die Saite deutlich nach unten).
Es ist schon über 30 Jahre her, daß ich selbst Unterricht hatte, da kann ich recht schwer einschätzen, was nach 2 Jahren Unterricht zu erwarten ist (mal abgesehen davon, daß ich nach einer anderen Schule unterrichtet wurde, mit Akkorden von Anfang an). Und vielleicht bin ich bzgl. der Handhaltung ein wenig übersensibel: auch ich halte meine linke Hand allzu verkrampft, und ich spüre, wie sehr mich dies behindert - daher meine Befürchtung, er könnte sich hier einen Fehler angewöhnen, den er schwer (wenn überhaupt) wieder los wird.
Wie seht ihr das?

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Bernd C Hoffmann
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Re: Handhaltung des Schülers

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Mo 18. Nov 2013, 19:09

Natürlich schleicht sich da was ein. Ich hatte meinen Schülern immer gesagt, dass ich den Daumen von von meinem Platz gegenüber nicht sehen darf. Manche Kinder machen es dann trotzdem falsch, indem sie das Mittelgelenk an die Halsmitte legen und vordere Fingerglied zurückziehen. Richtigerweise gehört das erste Daumenglied an diese Stelle.

Kinder verstehen am Besten über eine bildliche Sprache. Den "Härtefällen" hatte ich gesagt, dass wir die linke Hand so halten, als hätten wir ein Beil in der Hand. Dabei ist die Hand von der Seite bei Daumen und Zeigefinger wie ein geöffnetes "O" aus. Allerdings versuchen wir, das vordere Fingerglied des Daumens etwas gerade zu halten. Wenn wir dann einen Ton oder Akkord greifen, dann passt zwischen Hals und Handballen immer ein Finger dazwischen. Das kann man anschaulich ganz einfach vorführen. Insbesondere sieht man dabei, dass der Handballen nichts am Hals zu suchen hat. Das muss man den Kindern auch explizit sagen. Zwischendrin und am Schluss der Stunde habe ich den Kindern Fragen gestellt, auf was wir bei der Haltung achten müssen und wie wir es kontrollieren können. Dies gab es auch als Hausaufgabe auf. Wichtig ist dabei die Motivation der Kinder. Für richtige oder gut gemachte Hausaufgaben gibt es Sternchen ins Hausaufgabenheft. Kinder freuen sich, wenn sie zuhause etwas aus der Stunden vorweisen können. Bei schwierigen Aufgaben habe ich vorher angekündigt, dass sie machmal auch 2 oder sogar 3 Sternchen bekommen. => "Aber die kriegt natürlich nicht jeder! Wer die haben will, der muss sich wirklich anstrengen. Dann bin ich mal gespannt, ob Ihr wirklich - wie auch sonst - so fleißig seid ;)". Wenn keine schwachen Schüler in der der Gruppe sind, kann man auch sagen, dass es nur 3 Sternchen oder keins gibt. So wird in den allermeisten Fällen der Druck nur unterschwellig erhöht, weil sie natürlich Sternchen haben wollen. Dazu ist es hilfreich, wenn man ihn anhand des HA-Heftes zeigt, was sie schon alles erreicht haben.

Wenn sich die korrekte Haltung ohne diese Sternchenmotivation eingespielt hatte, dann bin ich einen anderen Weg gegangen: Man klebt ein max. 5 x 5 mm Stück Hansaplast auf die Stelle, wo der Daumen platziert wird. Weil sich die Stelle rauh anfühlt, weiß der Schüler sofort, wo der Finger hin muss. Man kann auch einen schmalen Streifen an die untere Griffbrettkante kleben. Dies fühlt sich ebenfalls rauh an und der Schüler weiß, dass er dann falsch ist. Insbesondere das "Daumenpflaster" muss man jede Woche auswechseln, weil es durch die Handwärme verrutscht. Ich zeige dies auch den Eltern, damit die nach 3 Tagen selbst eins draufkleben können. Nervig sind die Klebereste. Die kann man mit Johnson Möbelpolitur rückstandslos und schadenfrei ganz leicht entfernen.
Liebe Grüße
Bernd
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Re: Handhaltung des Schülers

Beitragvon bassklampfe » Mo 18. Nov 2013, 21:22

Ich denke auch, dass man das schnellstens korrigieren sollte. Merkwürdig, dass der Lehrer auf sowas nicht achtet. Falsche Angewohnheiten wieder loszuwerden ist ausgesprochen mühsam.

Auch die Akkorde sollten vernünftig geübt werden. Dafür eignet sich – man schlage mich bitte nicht zu heftig – einfache Liedbegleitung, auch "Akkordschrammeln". Nicht schön, aber die Griffe müssen sitzen. Mit der Zeit gehen die Wechsel auch schnell. Später dann damit in die Lagen gehen. Jetzt ist dein Neffe noch in einem Alter, in dem er vermutlich noch gerne singt, da kann man das schön üben. Später wird's damit schwieriger.
______________
Gruß
bassklampfe

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Re: Handhaltung des Schülers

Beitragvon Heike » Mo 18. Nov 2013, 21:38

Korrekte Handhaltung ab der ersten Stunde!
Wobei korrekt heißt: passend zur Anatomie des Schülers und möglichst "natürlich", also sich von selbst ergebend - mit Geduld des Lehrers, bis es sich komplett instinktiv eingeschliffen hat.
Nach zwei Jahren noch mit Verkrampfungen? Autsch, sollte nicht sein..
Gitarrenunterricht ist ja im Idealfall auch eine Wahrnehmungsschulung betreffs Körpergefühl :idea:
Liebe Grüße
Heike

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Re: Handhaltung des Schülers

Beitragvon Kerstin Muc » Di 19. Nov 2013, 08:46

Hallo,

ich schließe mich den Vorrednern an. Aus eigener Erfahrung - ich musste ein großes Stück meiner spielerischen "Erfolge" revidieren, die Stücke wegpacken, weil ich rechts Probleme habe. Ich habe im Zuge dessen den Lehrer gewechselt und lerne nun im Grunde wieder "neu". Weil mein Lehrer damals eben nicht auf die Handhaltung rechts geachtet hat. Ich mache ihm da keinen Vorwurf o.ä., habe lediglich die Konsequenzen gezogen.

Liebe Grüße Kerstin

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Re: Handhaltung des Schülers

Beitragvon bassklampfe » Di 19. Nov 2013, 11:17

Heike hat geschrieben:Gitarrenunterricht ist ja im Idealfall auch eine Wahrnehmungsschulung betreffs Körpergefühl :idea:

Das kann man gar nicht genug betonen, und es wird leider fast immer zu wenig beachtet.
______________
Gruß
bassklampfe

Bernhard Hiller
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Re: Handhaltung des Schülers

Beitragvon Bernhard Hiller » Di 19. Nov 2013, 19:15

Besten Dank für eure Hinweise! Es ist also sicherlich ein Thema, das angegangen werden sollte, und zu spät ist es dafür nicht. Ich werde mal versuchen, die Tricks von Bernd auszuprobieren - mal schauen, wie mein Neffe darauf reagiert.
Warum es seinem Lehrer nicht auffällt, weiß ich nicht - ihn kenne ich gar nicht. Ich bin anno dazumal von einem Hobby-Gitarristen unterrichtet worden, der auch nicht auf die Haltung achtete...

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Bernd C Hoffmann
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Re: Handhaltung des Schülers

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Di 19. Nov 2013, 22:07

Ein professioneller Gitarrenlehrer wird das sicherlich nicht sein, wenn er darauf nicht achtet, insbesondere nach so langer Zeit. Auch ist es möglich, dass er sich von Außenstehenden oder Eltern nicht ins Konzept reden lassen will. In meinem Unterricht begab es sich, dass die Familie eines Kindes Besuch von einem entfernten Bekannten bekam, der auch Gitarre spielte. Als ich es dann auf die Haltung ansprach, sagte es, das Onkel Sowieso meinte, das wäre gar nicht erforderlich, zudem sei das viel leichter! Ich würde versuchen, über die Eltern Einfluss auf den Lehrer zu nehmen. Man kann ihn ja auch gezielt auf dieses Diskussionsthema lenken. Es ist sicher nicht falsch, wenn er einige Meinungen von Leuten dazu liest, die sich mit der Materie schon länger auskennen. Davon kann er nur profitieren.
Liebe Grüße
Bernd
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Silvius
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Re: Handhaltung des Schülers

Beitragvon Silvius » Do 21. Nov 2013, 19:45

Hallo Bernhard,
mit einer Vorverurteilung des Gitarrenlehrers sollten wir eher vorsichtig sein! Es ist unmöglich,
quasi per "Ferndiagnose" festzustellen, was da im Unterricht schieflaufen mag oder auch nicht.
Die Handhaltung deines Neffen, die du beschreibst, ist ja erst mal nicht unbedingt als
"verkrampft", sondern als "bequem" zu beschreiben: "Daumen am Gitarrenhals eingehängt,
Ballen liegt am Hals an". Wenn's trotzdem funktioniert!
Wie lange übt er schon an dem "Carcassi", hast du ihn auch was einfacheres vorspielen lassen
(hat er da die gleiche Handhaltung?), wann war er das letzte Mal im Unterricht? Kinder vergessen
oft schnell, für einen 10-jährigen ist eine Woche sehr lang!
Begleite deinen Neffen einfach mal in den Unterricht: "Hallo ich bin der Onkel, ich spiele auch Gitarre".
Wenn der Lehrer professionell ist, hat er sicher nichts dagegen und die Probleme sind wahrscheinlich schnell geklärt.
Auf deinen Bericht bin ich sehr gespannt!
Viele Grüße
Silvius

Bernhard Hiller
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Re: Handhaltung des Schülers

Beitragvon Bernhard Hiller » Sa 23. Nov 2013, 11:53

"Bequem" ist wahrscheinlich der bessere Ausdruck, da hast du recht, Silvius. Vielleicht auch "lässig", mit der Konnotation "nachlässig".
Für das Unterrrichten braucht man andere Kenntnisse als "nur" selbst gern zu spielen - da würde ich sicherlich auch einiges falsch machen. Man muß wissen, wohin man gelangen will, welchen Weg man einschlagen soll, und dabei sich all der Stolpersteine und Irrwege bewußt sein, und sie rechtzeitig beseitigen/umgehen. Die Haltung der linken Hand ist mir nur deshalb als Problem bewußt, weil ich selbst dies nicht richtig mache.
Ein Hobbygitarrist, der unterrichtet, wird meistens Hobbygitarristen hervorbringen können, die Spaß an ihrem Spiel haben. Und das ist normalerweise auch da Unterrichtsziel - nicht etwa der Profimusiker. In so fern sehe ich keinen Grund, den Lehrer zu verurteilen.
Mein Neffe hat mir leider nicht viel vorgespielt. Aber ich erinnere mich an ein früheres Vorspiel, als die Noten noch einzeln auf den hohen Saiten gegriffen wurde: da fand ich seine Haltung locker und korrekt. Es muß also erst in der Folgezeit schief gelaufen sein. Nicht unbedingt beim Übergang zu Akkorden - denn da greift er die Noten einzeln nacheinander, eher beim Übergang auf die Vielsaitigkeit (jawohl, so schreibt sich das Wort richtig ;) ) oder bei der Verwendung der tiefen Saiten.


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