Fokale Dystonie

Sehnenprobleme, Dystonie, gesundheitliche Beeinträchtigungen
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Heike
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Fokale Dystonie

Beitragvon Heike » Fr 20. Dez 2013, 19:46

Moin allerseits,
ich hatte es ja neulich schon mal angetippt, das Horrorthema Fokale Dystonie erwischt auch die ganz Großen, die ja eigentlich alles richtig machen, hier ein Interview mit Liona Boyd.
Man denkt dann immer, wenn ein Name nicht mehr dauernd irgendwo auftaucht, ach er/sie spielt wohl auf anderen Kontinenten oder mag nicht mehr oder geht bewußt den einfacheren kommerzielleren Weg, aber das da was ganz Tragisches dahinterstecken kann, mag man sich nicht ausmalen.
Sie ist ja , nachdem wie sie es hier schildert, praktisch für die oldschool Klassik verloren, hat aber einen Weg zurück zur Musik gefunden, Respekt!!!
http://www.guitarplayer.com/article/Liona-Boyd/158
Liebe Grüße
Heike

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Bernd C Hoffmann
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Re: Fokale Dystonie

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Fr 20. Dez 2013, 20:40

Ich habe gehört, dass sie davon betroffen ist. Mir kam im vergangenem Jahr der Gedanke, dass ich selbst davon betroffen sein könnte. Auslöser war mein Quintolentremolo, dass ich nicht mehr flüssig koordinieren konnte, weil sich die Finger strecken wollten. Mit der Methode als Trockenübung ohne Gitarre, wie ich sie meinen Schülern vermittelt hatte, funktioniert es, allerdings nur als Trockenübung ohne Gitarre. An der Gitarre klingt holprig bis höchst miserabel. Alles andere funktioniert. Darum habe ich es für mich wieder ausgeschlossen. Ich hatte berufsbedingt 2 Jahre lang sehr unregelmäßig gespielt und sehe dort den Hund begraben.

Hätte ich tatsächlich die leidliche Diagnose bekommen, dann wäre es für mich der blanke Horror. Ich kann mir vorstellen, dass viele Profis mit diesem Leiden bei der Diagnosenennung einen Schock bekommen. Mir tut es für jeden leid, der der diese Krankheit bekommt. Auch von meiner Seite aus Respekt an Liona Boyd und jeden anderen, der irgendwie die Kurve gekriegt hat.
Liebe Grüße
Bernd
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Bernd C Hoffmann
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Re: Fokale Dystonie

Beitragvon Bernd C Hoffmann » So 19. Okt 2014, 23:20

Ich kann inzwischen zugeben, dass ich selbst davon betroffen bin. Spätestens seit dem letzten Forentreffen wissen es die Anwesenden. Ich hatte es angesprochen und vorgeführt. Mich hat es allerdings nicht so vom Hocker gehauen, weil ich andere Gitarristen gesehen habe, deren Koordination völlig aus dem Ruder lief, dass ihre Karriere buchstäblich am Ende ist. Auf mich trifft dies - Gott sei Dank - nicht in dem Maß zu. Insbesondere liegt meine Karriere nicht an der Gitarre. Aber nervig ist es trotzdem. Ich schleppe es seit 1,5 Jahren mit mir herum.

Mein Problem ist, dass der rechte Ring- u. Kleine Finger sich beim Skalenspiel nach vorne streckt. Gerade im Flamenco kommen schnelle Wechsel zwischen Skalenspiel und Arpegio. Diese Wechsel scheiterten, weil der Ringfinger nicht schnell genug in den Anschlagswinkel kam. Manchmal rollt er sich mit dem Kleinen auch in die Hand. Dabei passiert es dann, dass der Nagel mit der Rüsckseite an die Saite kommt. Auch das Tremolo (Quintole) war nicht mehr spielbar. Hierbei hatten sich bis auf den Zeigefinger alle durchgestreckten. Bei Trockenübungen ohne Gitarre hingegen laufen alle Bewegungsmuster perfekt. Mental konnte ich dazu keinen Zugang mehr finden.

Jemand im Forum konnte sich mit einem Entspannungsprogramm von der Techniker Krankenkasse davon zurücktrainieren. Ich habe eins, zwei Mal dieses Programm angehört. Eine Regelmäßigkeit ergab sich nicht. Wegen einer anderen Sache nehme ich seit 3 Wochen fast jeden Tag einer Hypnosesitzung teil. Nun stellt sich seit 2 Tagen eine auffällige Besserung ein. Ich denke, das ist ein Nebeneffekt der Tiefenentspannung. Ich bekomme auf einmal den Ringfinger öfters und besser in den Griff. Zudem habe ich das Quintolentremolo etwas in den Griff bekommen, wo ich auch einen mentalen Zugang finden konnte. Die Anschlagsbewegungen sind aber noch viel zu groß. Wenn ich die auch noch in den Griff bekomme, dann mache ich einen riesigen Freudensprung. Der Wechsel zwischen Skalenspiel und Arpegio ist seit gestern Abend fast vollständig korrigiert. Ich bin völlig baff!

Im Laufe der Woche werde ich hierzu ein paar Videosequenzen aufzeichnen.
Liebe Grüße
Bernd
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Re: Fokale Dystonie

Beitragvon sarabande » Mo 20. Okt 2014, 11:34

hallo bernd,
weiterhin gute besserung ! ! !
mit den besten wünschen
sarabande

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Bernd C Hoffmann
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Re: Fokale Dystonie

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Di 21. Okt 2014, 17:49

Besten Dank vorab!

Ich werde Videos anfertigen, um den Verlauf zu dokumentieren. Zudem habe ich den Therapeut gefragt, ob er mit seiner Namensangabe und seinem "Werk" (im Video) einverstanden ist.
Liebe Grüße
Bernd
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NeverGiveUp
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Re: Fokale Dystonie

Beitragvon NeverGiveUp » Fr 7. Nov 2014, 15:30

Hallo zusammen!
Ich bin seit über 40 Jahren Gitarrist und seit ca. 30 Jahren freiberuflicher Gitarrenlehrer.
Nach meinem erfolgreich abgeschlossenen Studium im Kons Nürnberg habe ich viele Jahre beschwerdefrei
ziemlich anspruchsvolles Material für Konzert-Flamenco Gitarre gespielt.
Vor ca. 15 Jahre "befiel" mich über Nacht ein zuerst kleines Blockadeproblemchen bzgl. Wechselschlag "im" / "mi"
ich hoffte zunächst das geht vorüber, tat es aber nicht, meine Panik über diesen Kontrollverlust mündete schlussendlich
in der totalen Vermeidung der rechte Zupfhand.
Es war einfach zu deprimierend, keine Kontrolle über die Finger mehr zu haben.
Es betraf zunächst den kleinen Finger, dann kam diese Geschichte mit apoyando dazu, dann blockierte auch
die Rückwärtsbewegung pimami Tremolo etc......Ich war bei X Ärzten (Dr. Prof. Lanz) die mir letzlich nur
einen (schönen?) Namen für diesen Krampf geben konnten. Fokale Dystonie-ein Horror!!

Gruss Werner
Zuletzt geändert von NeverGiveUp am Di 27. Jan 2015, 10:41, insgesamt 1-mal geändert.

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Bernd C Hoffmann
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Re: Fokale Dystonie

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Sa 8. Nov 2014, 17:07

Hallo NeverGiveUp,

Kleiner Exurs:
Vor 20 Jahren hatte ich in Nürnberg ein paar Flamencoworkshops im Musikhaus Oechsner gegeben. Das hatte ich nebenbei mit Schellmusic verbunden, für den ich im Nebenjob unterwegs war. Oechsner war damals ein Riesenladen mit vernünftigem Gitarrensortiment und mit eigenem Stand auf der Musikmesse. In der Gitarrenabteilung arbeitete ein technischer Eddie van Halen versierter Gitarrist (Name = Loui?). Irgendwann traf die Wirtschaftslage das Haus. Ich weiß nicht, ob es das Geschäft noch gibt.
Liebe Grüße
Bernd
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Re: Fokale Dystonie

Beitragvon lojano » Mo 2. Mär 2015, 15:57

Hallo,
ich bin neu hier im Forum und möchte einige Gedanken zur fokalen Dystonie beitragen.
Dieses Thema begleitet mich jetzt seit gut 20 Jahren. Es betrifft in meinem Fall den Daumen der rechten Hand. 10 Jahre konnte ich überhaupt nicht spielen, wenn überhaupt nur in meinem
Unterrricht zur Begleitung und das nur unter Schmerzen. Dann gab es die ersten Botoxspritzen bei Prof. Dr. Altenmüller in Hannover. Das erste Mal hatte mein Daumen wieder eine gewisse Freiheit und Ruhe erlangt und ich begann wieder zu üben, die Spritzen wurden alle 3-4 Monate erneuert. Nach ein paar Jahren verschlechterte sich die Situation aber wieder und ich begab mich erneut auf die Suche nach Heilung. Dank Google stieß ich auf 'Dispokinesis', eine Therapieform, die in Holland entwickelt wurde. Mithilfe der Dispokinesisübungen hat sich die Situation dann noch einmal sehr verbessert, sodaß ich heute in der Lage bin auch anspruchsvolle Werke wie z.B. Dowland oder Piazzolla, wieder spielen zu können. Im Moment arbeite ich an der Stabilisierung der Verbesserung. Wie alle Betroffenen wissen, ist die fokale Dystonie eine sehr gewitzte Krankheit, die man nicht zu frontal angehen kann, daher kann es immer mal wieder zu Verschlechterungen kommen. Der Erfolg der Dispokinesis kommt z.T. vielleicht gerade aus der Tatsache, daß sie alles möglich behandelt nur eben nicht das Hauptsymptom. In der 'Dk' geht es um Haltung und Bewegung, um bewußte und unbewußte Bewegungen und um das physische Verhältniss des Spielers zum Instrument. Ich habe dadurch sehr viel über mich und meine Art des Musizierens gelernt und festgestellt, wie falsch meine Herangehensweise war. Daher kann ich heute sagen, daß ich froh bin, diesen Weg gegangen zu sein und so zu einer viel befreiteren Spielweise gelangen konnte. Was auch durch meine Zuhörer und Mitspieler bestätigt wird.
Die fokale Dystonie ist zwar ein Schock für den betroffenen Musiker aber heute kein Grund mehr, die Musik aufzugeben.
Soweit erstmal
Andreas

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Re: Fokale Dystonie

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Di 3. Mär 2015, 11:12

Hallo Andreas,

herzlich willkommen im Forum!

Vielen Dank für Deinen interessanten Beitrag. Wir haben einen weiteren Gitarrist unter uns, der es leider richtig heftig abbekommen hat. Ich habe Videobeispiele von ihm gesehen. Möglicherweise ist die bei Dir vollzogene Therapie ein Lichtblick für ihn.

lojano hat geschrieben:Die fokale Dystonie ist zwar ein Schock für den betroffenen Musiker aber heute kein Grund mehr, die Musik aufzugeben.

Das Problem, das ich sehe, ist die Abrechnung. Ich glaube, es herrscht Uneinigkeit darüber, ob eine Therapie von den Krankenkassen übernommen wird oder privat bezahlt werden muss. Bspw. gibt es In Barcelona gibt es eine bekannte Einrichtung, die sehr erfolgreich Therapiemethoden durch direkte Arbeit am Gehirn einsetzt (u. a. Gehirnwellensynchronisation). Die arbeiten ausschließlich gegen Privatrechnung. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, weil man als Musiker mit FK kein Geld verdienen kann. Ohne Geld keine Therapie, zumindest nicht in Barcelona.

Ich habe eben ein Video angesprochen und gesehen, dass ich es versäumt habe, meine Videos reinzustellen. Eigentlich bin ich schon lange urlaubsreif...
Liebe Grüße
Bernd
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Re: Fokale Dystonie

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Mo 1. Mai 2017, 22:57

2 Jahre sind seit meinem letzten Beitrag vergangen. Getan hat sich nicht viel, aber jetzt habe ich die Hoffnung, dass sich was tun wird. Ich glaube nämlich, die Sonne geht auf :D

Einige kennen den amerikanischen Gitarristen Jack Sanders. Ich hatte diese beiden beachtenswerte Beiträge von ihm im Forum verlinkt:
Skalenspiel:
viewtopic.php?f=16&t=2423

Carcassi Etüde Nr. 2:
viewtopic.php?f=16&t=2731

Ich bin mit ihm auf Facebook verdrahtet. Dort hatten wir einen kleinen Austausch. Als ich ihm von meiner fokalen Dystonie berichtete, bot er sich sofort an. Er meinte, er könnte mir viielleicht dabei helfen. Wir haben uns via Skype für heute Abend verabredet. Er hat und hatte mehrere Betroffene auf dem Weg geholfen. Vor mir hatte er einen Gitarristen, der das gleiche Problem wie Nicola Hall hat, d. h. gestreckter Zeigefinger, dafür Verschiebung des Anschlags auf Mittel-, Ring- und Kleinen Finger. Er hat mir den Horizont geöffnet für Dinge, die mir gar nicht bewusst waren. Dann hat er Fehler entdeckt, auf die ich bei meinen Schülern peinlich genau drauf achtete, dass sie sie vermeiden. Und ich hatte nicht gemerkt, dass sie sich eingeschlichen haben. Er gab Erklärungen zu Spannung und Entspannung bestimmter Muskeln. Dann machten wir verschiedene Übungen, bei denen ich einige Aha-Erlebnisse wahrgenommen habe. Insbesondere weiß ich jetzt, wie ich (mit viel Geduld) die erforderliche Entspannung beim Anschlagen und Greifen trainieren kann. Die Stunde verging wie im Flug.

Jack ist ab morgen in einigen Bundesstaaten auf Konzertreise mit seiner neuen Vihuela. Zur Monatsmitte haben wir den nächsten Termin. Ich bin optimistisch und gespannt. Bis dahin werde ich mit den Methoden kreativ experimentieren.
Liebe Grüße
Bernd
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