Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

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Bernd C Hoffmann
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Re: Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Fr 13. Jul 2018, 21:18

Ein Gitarrenbauer, den ich Dir in Berlin empfehlen kann, ist Eduardo Valdivia. Ich war bis Anfang der 1990er Jahre nur auf Zederndecken eingeschworen. Dann besuchte ich Eduardo, der damals noch hier wohnte. Er gab mir seine Fichtendeckengitarre mit. Von da an waren Zederndecken für mich quasi völlig out (obwohl ich gegenwärtig eine Manfred Pletz in Zeder/Indio spiele). Du findest ihn in der Pestalozzistraße 49. Wenn Du einen Kontakt machst, bitte grüße ihn von mir.
Liebe Grüße
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grenner
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Re: Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

Beitragvon grenner » Sa 14. Jul 2018, 07:47

Bernd C Hoffmann hat geschrieben:Das muss man relativ betrachten! Dann ist zu sagen, dass man vorab definieren sollte, was unter "kommerzielle" Videos zu verstehen ist. Fakt ist, die Händler haben für die Audionachbearbeitung überhaupt keine Zeit und zudem äußerst selten davon Ahnung und werden sicher keinen Tonmeister dafür bezahlen.


Wenn ich mir die Auftritte von Siccas oder Guitar Salon auf Youtube ansehe, so sind das höchst professionelle Aufnahmen. Der Auftritt dieser Unternehmen ist insgesamt sehr professionell und daher werden sie auch keine nicht optimierten Videos einstellen.
Mal abgesehen davon gibt es heute genug einfachst zu bedienende Freeware mit der ich eine Aufnahme machen und optimieren kann. Das einzige was man dazu noch benötigt ist ein halbwegs ordentliches Mikrofon und ein Audio Interface. Wobei es oft schon genügt einen Hauch von Hall dazuzugeben und die Aufnahme klingt schon um Klassen besser (das ist wahrscheinlich der Grund warum so viele Klassik-Gitarren Videos in Kirchen oder ähnlichem aufgenommen sind)

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Bernd C Hoffmann
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Re: Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Sa 14. Jul 2018, 09:01

grenner hat geschrieben:
Bernd C Hoffmann hat geschrieben:Das muss man relativ betrachten! Dann ist zu sagen, dass man vorab definieren sollte, was unter "kommerzielle" Videos zu verstehen ist. Fakt ist, die Händler haben für die Audionachbearbeitung überhaupt keine Zeit und zudem äußerst selten davon Ahnung und werden sicher keinen Tonmeister dafür bezahlen.


Wenn ich mir die Auftritte von Siccas oder Guitar Salon auf Youtube ansehe, so sind das höchst professionelle Aufnahmen. Der Auftritt dieser Unternehmen ist insgesamt sehr professionell und daher werden sie auch keine nicht optimierten Videos einstellen.
Mal abgesehen davon gibt es heute genug einfachst zu bedienende Freeware mit der ich eine Aufnahme machen und optimieren kann. Das einzige was man dazu noch benötigt ist ein halbwegs ordentliches Mikrofon und ein Audio Interface. Wobei es oft schon genügt einen Hauch von Hall dazuzugeben und die Aufnahme klingt schon um Klassen besser (das ist wahrscheinlich der Grund warum so viele Klassik-Gitarren Videos in Kirchen oder ähnlichem aufgenommen sind)


Ich kann nur für mich sprechen. Wir hatten 2 Forumtreffen bei Siccas. Ich hatte mir im Vorfeld ein paar Gitarren per Video angeschaut, die ich dann im Geschäft angespielt habe. Deswegen kann ich sagen, dass meine Wahrnehmung von den Videos sich beim Anspielen vor Ort bestätigt hat.

Was die einfache Nachbearbeitung kostenloser Programme betrifft, diese Software hat doch gar keine Ahnung davon, wie eine Konzert- oder Flamencogitarre klingen soll. Die einzigen Möglichkeiten, die man einfach hinzufügen kann, ist mehr Präsenz Bass und Diskant sowie etwas Raumhall. Diese Einstellungen, v. a. Bass und Diskant, sind vergleichbar mit den Reglern einer Stereoanlage. Diese Präsenz bezieht sich nicht auf das gesamte Spektrum und gibt lediglich mehr Anteil im betreffenden Frequenzbereich hinzu. Das selbe gilt für den Diskant. Es verleiht der Gitarre jedoch eine übertriebene Unnatürlichkeit.

Richtig ist, dass viele Aufnahmen wegen der guten Raumakustik in Kirchen gemacht werden. Dadurch wird aber die klangeigene Substanz der Gitarre nicht verändert. Das bedeutet, dass individuelle Eigenschaften wie Timbre, Dynamik, Trennschärfe, Klangfarben und Präsenz gleich bleiben. Es wirkt sicher befremdlich, wenn man auf Youtube einen Gitarristen im Sommer im Garten oder Wald spielen sieht, und die Aufnahme enthält minimalen Raumhall ohne Hintergrundgeräusche wie Vogelzwitschern, Windrauschen oder Wassergeplätschere. Hier passen Klangbild und Umgebung nicht zusammen. Die individuellen Eigenschaften beeinflusst dies allerdings nicht.

Eine weitere Einstellung, die einfach zu bedienen ist, ist der Kompressor. Hier wird zwischen dem niedrigsten und höchsten Pegel ein durchschnittlicher Ausgleich über das gesamte Audiomaterial durchgeführt. Es ist das selbe, als wenn man den Loudness-Schalter an der Stereoanlage drückt. Dies klingt bei Musik oft gehörgefällig, jedoch greift dies insbesondere bei Gitarren im Ergebnis negativ in die dynamischen Fähigkeiten ein.

Man sollte auch immer im Kopf haben, dass mehrere Gitarren des gleichen Modells nie exakt den gleichen Klang haben. An anderer Stelle wurde Bezug auf eine Torres Gitarre genommen. Auf welche genau, das steht nicht dabei. Da Du GSI genannt hast, es gibt 2 Video, bei den Andrew York jeweils eine Torres spielt. Sie haben völlig unterschiedliche Klänge, wobei mir eine von beiden substanziell nicht gefällt.

Wenn mir eine Gitarre substanziell gefällt, aber sie klingt insgesamt zu mittig, dann kann das am Mikrofon liegen. Viele Gitarristen halten es auch einfach, indem sie ein Mikro um die 50 oder 100 € kaufen und per USB direkt in den PC spielen. Auch hier liegt oft der Hund begraben. Nach meiner Überzeugung geht nichts über gutes Aufnahme-Equipment sowie eine kalibrierte Soundkarte und dem einwandfrei wieder zu erkennenenden Klang vertrauter Instrumente. Im Vergleich Medium/direkt hat sich meine Wahrnehmung vor Ort immer bestätigt.
Liebe Grüße
Bernd
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Bernd C Hoffmann
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Re: Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

Beitragvon Bernd C Hoffmann » Sa 14. Jul 2018, 09:07

@ manolo_berlin
Was die Auswahl an Meistergitarren im Fachhandel betrifft, solltest man bedenken, dass viele Gitarrenbauer den Weg über den Handel nicht wollen, weil dies die Gewinnspanne deutlich minimiert.
Liebe Grüße
Bernd
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Re: Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

Beitragvon Roberlin » Sa 14. Jul 2018, 13:01

Bernd C Hoffmann hat geschrieben:
grenner hat geschrieben:
Bernd C Hoffmann hat geschrieben:
Was die einfache Nachbearbeitung kostenloser Programme betrifft, diese Software hat doch gar keine Ahnung davon, wie eine Konzert- oder Flamencogitarre klingen soll. Die einzigen Möglichkeiten, die man einfach hinzufügen kann, ist mehr Präsenz Bass und Diskant sowie etwas Raumhall. Diese Einstellungen, v. a. Bass und Diskant, sind vergleichbar mit den Reglern einer Stereoanlage. Diese Präsenz bezieht sich nicht auf das gesamte Spektrum und gibt lediglich mehr Anteil im betreffenden Frequenzbereich hinzu. Das selbe gilt für den Diskant. Es verleiht der Gitarre jedoch eine übertriebene Unnatürlichkeit.



Ich bin selbst Tontechniker und würde Bernd hier zustimmen (!)
Der einzige Effekt, der noch in Frage käme, wäre ein Exciter oder ähnliches, also ein Tool, dass ausgewählte Frequenzbereiche durch das Hinzurechnen von Obertönen auffrischt. (Nicht zu verwechseln mit einem EQ, von dem Bernd spricht). Hierzu braucht man aber schon Übung sonst klingt es leicht künstlich - ähnlich wie viele Stimmen im Radio.
Ich glaube nicht, dass die Händler das benutzen, weil ein sehr gutes Mikro und ein bisschen Hall reicht. Außerdem muss man sehen, dass ein Top-Spieler ein Instrument immer besser klingen lassen kann, als ein mittelmäßiger Amateur. Es kommt ja darauf an, wie die Gitarre unter deinen Händen, mit deinem Anschlag usw. reagiert. Daher geht es nicht ohne Anspielen.

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Re: Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

Beitragvon manolo_berlin » Sa 14. Jul 2018, 17:31

Danke Euch nochmals für den Input.

Ich werde in Berlin anfangen, evtl. gibt es da schon einen Volltreffer. Ansonsten muss ich wohl in eine Karlsruhe Reise investieren...

Werde definitiv immer meine Rolf Eichinger Zeder mitnehmen, damit ich das als Referenz nutzen kann (ich suche ja nach einem "komplementären" Klang in Fichte).

Hat alles keine Eile, kann mir monatelang Zeit lassen.

Eure Aussagen zu Video-Urteil: Gibt es denn eigentlich tatsächlich Leute, die teure Gitarre ungespielt nach Fernurteil kaufen? Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen...

Wie ist eigentlich eure Erfahrung mit "kleiner" Katze im Sack kaufen bzgl. Neuanfertigung direkt beim Gitarrenbauer? Kann man bei Gitarren den Gitarren-Bauer klar wiedererkennen? Ich kann mich an einen Blindtest bei Geigen erinnern, wo Spezialisten blind unter 10 Geigen keine Zuordnung zum Bauer hinbekamen.

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Re: Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

Beitragvon grenner » So 15. Jul 2018, 08:24

manolo_berlin hat geschrieben:
Wie ist eigentlich eure Erfahrung mit "kleiner" Katze im Sack kaufen bzgl. Neuanfertigung direkt beim Gitarrenbauer? Kann man bei Gitarren den Gitarren-Bauer klar wiedererkennen? Ich kann mich an einen Blindtest bei Geigen erinnern, wo Spezialisten blind unter 10 Geigen keine Zuordnung zum Bauer hinbekamen.


Wenn man bedenkt, wie viele Parameter beim Bau einer Gitarre mitspielen (Holzqualität, Lagerungszeit, Luftfeuchtigkeit beim Bau....) und dass ein Gitarrenbauer ca. 10 - 15 Gitarren/Jahr baut, sich dabei auch weiterentwickelt und vielleicht mal was Neues probiert, muss man damit rechnen dass die fertige Gitarre vielleicht doch etwas anders klingt als ein Referenzmodell. Auch bei Hauser, Ramirez, Torres....gab es ja immer wieder Gitarren die besonders hervorstachen. D.h. es ist wahrscheinlich auch immer etwas Glück oder Pech dabei, wenn man sich ein Instrument auf Bestellung anfertigen lässt, wobei die Streuung wahrscheinlich eher klein ist und der Mittelwert vom grundlegenden Können des Gitarrenbauer abhängt.
Wobei man sicher auch die Streuung minimieren kann, indem man Holz aus dem gleichen Bestand, wie das Referenzmodell wählt, auf gleiche Ausführung besteht und heutzutage sollten die Workshops ja klimatisiert sein. Und dann bleibt noch die Frage, wie gut ist letztendlich Dein Gehör, dass Du feine Unterschiede auch heraushörst.

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pianoguitar
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Re: Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

Beitragvon pianoguitar » So 15. Jul 2018, 10:27

Meine Erfahrungen sind:
Der Sound im Video gibt zwar eine erste Richtung, ersetzt aber nicht das persönliche Anspielen. Etwas Hall ist meistens drin, das verändert ziemlich (wie oben schon gesagt). Siccas hat deutlich Hall mit drin.
Ja, es gibt Leute die ungesehen Gitarren in der Preisklasse >5.000 € kaufen. Aber das sind in der Regel weniger Spieler, sondern eher Händler, die dann bald wieder weiterverkaufen wollen.
Zum Bau beim Luthier: Hier solltest Du schon zumindest wissen, daß Du den prinzipiellen Klang der Gitarren eines Luthiers magst. Eine Fankhänel klingt anders als eine Bernabe. Selbst dann ist es immer noch ein Risiko, weil genau Deine Gitarre natürlich wieder anders klingen kann. Es hilft hier ein Referenzmodell des Luthiers zu haben, aber auch dann bleibt es immer noch ein Risiko. Vorteile: es ist Dein Baby (Du wählst evtl. Hölzer aus, mitunter das gesamte Design, es ist meist günstiger als vom Handel). Aber wie gesagt, Du mußt schon genau wissen, dass Du diesen Soundtyp magst.
Wenn Du weniger Erfahrung hast, dann bleibt wie fast immer nur das Spielen, Spielen, Spielen. Aber wenn Du so viel Geld ausgeben willst, dann würde ich Dir unbedingt dazu raten. Fahr nach Karlsruhe. Ob Du dann eine Gitarre dort auch kaufst ist eine andere Frage. Laß Dir Zeit und lass Dich auch mal beraten von einem Experten, der viele Gitarrentypen kennt (kein Verkäufer).

Am Ende ist es immer so: die Gitarre findet Dich, und wenn Du sie spielt wirst Du es sofort wissen. Alles andere lass sein !

Viele Spaß und Grüße
Peter
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Michael730
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Re: Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

Beitragvon Michael730 » Mo 23. Jul 2018, 15:21

Oh, la la. Das ist ein schwieriges Thema und wo soll ich bloß anfangen: :-)

Wenn Du losziehst, nimm immer Dein Instrument mit. Nicht nur, weil Du "komplementären Klang" suchst, sondern um ein Referenzpunkt zu haben. Die Raumakkustik bei Dir zu Hause kann ganz anders sein, als beim Händler. Geh' mit recht frisch aufgezogenen Saiten dort hin, damit Dein Instrument keinen Nachteil hat. Suche Dir aus Deinem Repertoire Klangschnipsel zusammen, mit denen Du das Instrument beurteilen kannst. Es sollten alles Passagen sein, die Du ohne jegliche Mühe spielen kannst, damit Du Dich voll und ganz auf den Klang konzentrieren kannst: Such Dir Passagen mit Bassfokus, mit Diskantfokus, mit Mittenfokus, im Bereich 1-5. Bund, 5.-12. Bund und jenseits des 12. Bundes. Suche Dir Passagen, bei denen Du Klangfarben modellieren kannst undzwar so, dass Du die gesamte Palette abdecken kannst. Bevor Du losziehst, probiere doch die gängigen Saitensätze mal auf Deinem Instrument aus um zu sehen, wie sie das Klangbild verändern. Informiere Dich am besten auch über die neueren Technologien wie Lattice und Double-Tops, wenn Du eine solche in Erwägung ziehst. Gerade hier solltest Du sehr gut informiert sein. Lattice und Double-Tops haben eine höhere Lautstärke und davon kann man sich leicht blenden lassen. Da Gitarren nunmal immer ein Kompromiss sind, ist es auch hier so. Man erhält Lautstärke, was aber potentiell an anderen Stellen zu Kompromissen führt. Zum Beispiel gibt es den australischen Stil (Lattice + sehr steife Zargen und Böden). Diese Bauweise soll in Tendenz zu schlechter Diskantqualität neigen (eine Überbetonung des Diskants) die der Gitarrenbauer auffangen muss. Dies führt aber in Tendenz zu einem Klangfarbenärmeren Instrument. Zum Beispiel: Eine Redgate oder Smallman hat einen anderen Grundcharakter als traditionelle Gitarren. Der Klang ist zunächst superspannend, weil er so anders ist, aber wenn Du Dich an ihn gewöhnt hast, kann er vielleicht langweilig werden. Das grundtönigere der Lattice-Gitarren haben auch Double-Tops in Tendenz. Es ist die Frage Deines Spielstils oder Deines Anwendungsfalles des Instrumentes, ob das sinnvoll ist. Lattice und Double-Tops sind lauter, projizieren aber nicht unbedingt besser als traditionelle Instrumente. Ist Dir Projektion wichtig? Wenn ja, dann mußt Du jemanden zum Testen mitnehmen. Welchen Spielstil empfindest Du als Ideal? Zum Beispiel: Höre Dir David Russell oder Manuel Barrueco an und danach Segovia oder Julian Bream. Russell spielt eine Double-Top und das paßt zu seinem pianoesken Spielstil. Bei ihm findest Du kaum Klangfarbendynamik. Er modelliert eher mit Lautstärke und Tempi. Wenn er also ein Instrument bekommen kann, dass klangfarbenärmer ist, aber dafür besser projiziert, dann erscheint dies ein für ihn sinnvoller Kompromiss. Bei Julian Bream steht die Klangfarbendynamik deutlich hörbar im Vordergrund. Bei ihm klingt die Gitarre manchmal wie ein Spinett, manchmal wie ein Klavier und manchmal wie ein Cello. Für einen Julian Bream wäre es also vermutlich unvorstellbar, Klangfarbendynamik zu opfern für mehr Lautstärke.

Wenn Dich Double-Tops interessieren: Deutsche Gitarrenbauer stehen hier an der Spitze. Da gibt es natürlich die großen Namen wie Mathias Dammann und Gernot Wagner. Die sind vermutlich preislich eher aus dem Rahmen. Es gibt aber noch: Michel Brück (vermutlich auch eher unerreichbar als Neuinstrument, aber vielleicht eine gebrauchte), aber auch Carsten Kobs (sehr guter Ruf, 2-3 Jahre Wartezeit, preislich gerade noch drin), Dennis Tolz erarbeitet sich gerade einen Namen (Preis sollte klar in der Range sein, aber Wartezeit ~6 Jahre und steigend). Christian Koehn baut auch Double-Tops, aber soweit ich mich erinnere als Balsa-Core und nicht als Nomex-Sandwich. Keijo Korelin ist Finne, preislich voll in der Range. Er steht Gernot Wagners Stil Nahe und seine Gitarren sollen ein ähnliches Klangbild haben. D.h. wenn Gernot Wagners Gitarren für Dich fantastisch sind, aber unerreichbar, dann versuch es vielleicht mit ihm. Ähnlich bei Mathias Dammann. Als Proxy könnte Reza Safavian vielleicht ein Tipp sein. Die Gitarren sollen Dammans Gitarren im Klang sehr ähnlich sein.

Auf der traditionellen Schiene gibt es natürlich eine große Anzahl guter Gitarrenbauer und die Frage ist nach Deinem Stil. Der Vorteil von Videos schauen ist hier, dass Du eine sehr große Bandbreite kennenlernen kannst. Und hier gibt es durchaus eine zeitliche Entwicklung: Der Gitarrenklang der in den 60ern dominant war ist ganz anders, als der "moderne Gitarrenklang". Wenn Du weißt, dass Dir der "60er-Stil" gut in den Ohren liegt, dann nimmst Du eher Spanier in die Hand. Zum Beispiel: Ramirez. Oder vielleicht eine Fleta: Wobei die zu teuer sind. Guter Proxy wäre an dieser Stelle vielleicht eine Masaru Kohno. Die haben in meinen Ohren einen zu Fletas ähnlichen Grundcharakter. Bei den moderneren Instrumenten: Contreras könnte was dazwischen sein oder Fritz Ober. Contreras hatte ein Instrument mit dem er sehr bekannt wurde, die double-tapa. Ein klarer Klangcharakter, den ich eher dem modernen Stil zuordnen würde, aber mit einem gewissen lyrischen Einschlag (sorry, ich gerate ins Geschwallere). Fritz Obers Gitarren klingen nicht spanisch, aber sie sind vom Grundcharakter eher lyrisch und etwas weniger klar als zum Beispiel eine Fankhänel. Für Roy Fankhänel möchte ich hier sehr große Werbung machen. In meinen Augen ein großartiges Talent und toller Typ. Seine Instrumente haben einen sehr klaren Grundklang aber sind absolut unglaublich in Ihrer dynamischen Breite. Ich habe mal eine Fichte von Thomas Ochs gehört, die zwar einen Fichtenklang hatte, aber auch einen Zederneinschlag im Klang hatte. Das kriegen nicht viele Gitarrenbauer hin.

Aber: Insgesamt würde ich Dir durchaus ans Herz legen zu einem Gitarrenbauer direkt zu gehen. Zum einen nehmen Händler teils groteske Aufschläge, zum anderen kann man das persönliche Anspielen auch überschätzen. Vielleicht nimmst Du eine der Gitarren in die Hand und merkst sofort, dass es Dein absolutes Trauminstrument ist. Solche Fälle soll es geben. Ich würde das anspielen immer an das absolute Ende meines Entscheidungsprozesses legen. Erst mit Kriterien durchsortieren, dann bleiben zwei/drei Instrumente oder Gitarrenbauer übrig. Die versuche ich dann in die Hand zu bekommen. Dann die Gitarrenbauer anschreiben und nach Wartezeit und Preisen fragen. Dann kannst Du entscheiden, ob Dir die Zeitersparnis durch Direktkauf beim Händler den Preisunterschied wert ist.

Wenn ich einfach zu einem Händler gehe und 30 Gitarren in die Hand nehme und so entscheide bin ich ein wenig skeptisch. Verstehe mich nicht falsch: Es gibt viele Leute für die funktioniert diese Strategie offensichtlich sehr gut. Aber wenn ich persönlich darüber nachdenke, wie sehr alleine die Saiten Einfluß auf die Klangdetails des Instrumentes haben, dann bin ich mir nicht sicher ob Du durch Anspielen nicht ein Instrument rauswirfst, weil die Saiten nicht gut zum Instrument passen. Den Grundcharakter kannst Du beim anspielen erkennen, aber das geht auch bei den Videos prima. Nicht alle Videos sind geeignet, da manchmal das Stück hinderlich sein kann und nicht das "volle Instrument zeigen". Ich finde es sehr hilfreich das Instrument mal in den Händen eines ausgebildeten Musikers zu hören. Wenn Du selbst anspielst, steckt Dir immer Dein eigenes Instrument in den Fingern. Deine Finger sind auf Dein Instrument kalibriert und das nimmst Du mit, wenn Du ein Instrument lediglich selbst testest. Das geht mir zumindest so. Ich besitze zwei recht unterschiedliche Fichten. Wenn ich von einem Instrument zum anderen wechsele klingt das Instrument in meinen Ohren ziemlich falsch. Erst nach ein wenig Zeit und wenn ich mich "um das Instrument" bemühe stellen sich meine Finger wieder auf das andere Instrument ein. Diese Instrumente muss man vollkommen anders spielen damit sie zeigen, was sie können. Was ich damit sagen will (vielleicht geht es anderen Spielern ja ganz anders) ist, dass das persönliche Anspielen für ein paar Minuten auch seine Grenzen hat hinsichtlich seines Wertes für den Entscheidungsprozess.

Aber viel Erfolg: Und ich bin natürlich sehr neugierig, wofür Du Dich entscheidest.

manolo_berlin
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Re: Beratung Neukauf Meistergitarre (5.000 - 10.000 Segment)

Beitragvon manolo_berlin » Do 26. Jul 2018, 16:22

Danke für den sehr ausführlichen Ansatz!

Meine Gedanken hierzu:
- Was interessant ist, dass du eher vorab auf Gitarrenbauer via Video filtern würdest und dann in persönlichen Kontakt trittst. Evtl. ist es auch eine Option, sich selbst auf der Gitarre aufzunehmen und dann dies als Referenz zu verwenden..
- Den Saitenaspekt hab ich bisher tatsächlich ignoriert und eher vertraut, dass der Händler die passenden Saiten aufgespannt hat.
- Beim Testen mehrerer Gitarren hatte ich mir damals viel Zeit gelassen. Ging eher in 30 Minuten Zyklen (1 Gitarre mit der anderen vergleichen und aussortieren).
- Was damals in der Tat wichtig war: Ein differenziertes Repertoire (siehe Eingangspost zu Musik, die ich spiele) zu haben und sehr geübt zu sein.
- In der Tat verfälscht die Lautstärke den Eindruck stark (ähnlich zu Musikanlagen lauter = besser Voodoo). Ich erinnere mich an Gitarren, die "bombig" klangen und am nächsten Tag irgendwann Langeweile eintrat. Ist denke auch eine Erfahrungsfrage. Lautstärke ist für mich eher zweitrangig, da ich die Frame-Guitar von Frank Krocker für Verstärker Auftritte nutze (klingt natürlich auch anders).

Ich werde im Herbst mehr Zeit investieren und werde berichten. Kein Problem für mich, wenn es sich der Entscheidungsprozess auf 1 Jahr zieht und ich auch Jahre auf den Gitarrenbau warten muss. Nach 12 Jahren mit meiner Zedern Rolf Eichinger und 9 Jahre Frame-Guitar (Frank Krocker) ist es eine Investition für den Rest des Lebens :)


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