Prima Vista spielen?

Spieltechniken, Gitarristen, allgemeine Gitarristik (Konzertgitarre)
amadeo
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Prima Vista spielen?

Beitragvon amadeo » So 15. Mär 2020, 16:08

Für das Klavier gibt es sehr gute und systematische Prima Vista Lehrwerke, mit denen man sein Blattspiel sehr systematisch aufbauen kann. Ich wüsste nun sehr gerne, ob es für die Gitarre Ähnliches gibt? Ich habe mir angewöhnt, ein Werk erst über Tabs und Aufnahmen zu lernen und dann, wenn die Fingersätze sitzen, die Noten zum auswendig Lernen herzunehmen und mir dabei die Struktur einzuprägen, soweit ich sie analysieren kann.
Jetzt sitze ich vor einem harmlosen E-Dur Prelude von Tarrega und will das versuchshalber nur über das Notenbild lernen und es ist so mühselig - ich brauche wahrscheinlich 10 x so lange wie mit TABS.
Das würde ich gerne verbessern, nur wie? Mit den Grundlagen der Harmonielehre/Rhythmik bin ich vom Klavier her eigentlich vertraut. Ich bin für jeden Tipp dankbar.

rwe
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Re: Prima Vista spielen?

Beitragvon rwe » So 15. Mär 2020, 16:26

Indem Du auf Tabs verzichtet, jedenfalls bei normalen Stimmungen. Und zwar ab sofort, auch wenn es Dich zuerst etwas zurückwirft.
Mit etwas Übung siehst Du bei einer bestimmten Tonart und Stilrichtung bestimmte Muster, die sich bei Dir dann einprägen. Irgendwann geht es schneller.

paco
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Re: Prima Vista spielen?

Beitragvon paco » So 15. Mär 2020, 17:35

Meine Erfahrung ist, dass man das vom Blatt spielen erst dann richtig lernt, wenn man regelmäßig Kammermusik macht, also mit anderen zusammen spielt. Das ist genauso wie das vom Blatt singen bei Sängern. Zur Übung empfehle ich auch, auf Tabulatür erstmal grundsätzlich zu verzichten und Seitenweise wirklich einfache Stücke vom Blatt zu spielen. Wenn man die richtigen Stückesammlungen hat und Fortschritte gemacht hat, macht das richtig Spaß. Außerdem entdeckt man die eine oder andere "Perle", die man, obwohl sie einfach ist, in sein Repertoire aufnehmen kann. So habe ich zum Beispiel Pavanen von Milan entdeckt, die ich immer noch spiele.
LG Benjamin Otto

Jörg Wagner
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Re: Prima Vista spielen?

Beitragvon Jörg Wagner » So 15. Mär 2020, 19:23

Hi,
ich denke auch, dass das rigorose Meiden der Tabulatur eine der Voraussetzungen ist, um wirkliches Blattspiel zu erlernen.
Ein sehr systematisches Lehrwerk sind die Bände 2 und 3 der Gitarrenschule von Heinrich Albert, der zeigt besonders die Zusammenhänge von Tonart und spezifischer Griffbrettlage beim Melodiespielen auf. Das Lehrwerk ist ausserordentlich gründlich und instruktiv, bedeutet aber die "Ochsentour". dafür kann man am Ende dann aber in allen Tonarten vom Blatt spielen, nicht nur in den ersten 5 Tonarten des Quintenzirkels. Das Werk ist, glaube ich, nicht mehr im Druck, aber womöglich antiquarisch zu finden (Verlag Robert Lienau, wenn ich mich richtig erinnere). Beim Spielen nach der Tabulatur, mit nur geringen Notenkenntnissen, ist es im Übrigen viel schwieriger, Fingersatzalternativen zu entwickeln (übrigens eine Arbeit, die das Blattspiel extrem fördert) oder den harmonischen Plan einer Komposition zu entschlüsseln (wozu allerdings auch ein gerütteltes Maß an funktionstheoretischer Harmonielehre nötig ist). Ohne Kenntnis dieser beiden Bereiche bleibt man eher ein musikalischer Papagei, dessen vermeintliche Sprachbegabung ja auch nur ein Fake ist.
Pacos These kann ich überhaupt nicht zustimmen, denn in der Kammermusik ist es von großem Vorteil, solides Blattspiel bereits mitzubringen. Seine These erinnert mich an alte Methoden, einem Nichtschwimmer das Schwimmen beizubringen, indem man ihn erstmal ins Wasser schmeisst.
Jörg Wagner

rwe
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Re: Prima Vista spielen?

Beitragvon rwe » So 15. Mär 2020, 19:40

Jörg Wagner hat geschrieben:Ein sehr systematisches Lehrwerk sind die Bände 2 und 3 der Gitarrenschule von Heinrich Albert, der zeigt besonders die Zusammenhänge von Tonart und spezifischer Griffbrettlage beim Melodiespielen auf.
Diese Schule kenne ich nicht, aber nach Deiner Schilderung würde ich auch Henze in die "gleiche Ecke" schieben.

amadeo
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Re: Prima Vista spielen?

Beitragvon amadeo » So 15. Mär 2020, 20:06

Vielen Dank für Eure Tipps. Das ist schon klar - wer nichts liest kann nicht lesen und da will ich einfach raus. Ich gehe ja die Ochsentour gerne wie ich das am Klavier auch getan habe, nur eben lieber mit einer kompetenten Anleitung. Vielleicht werde ich im Antiquariat ja fündig und kann den Albert auftreiben. rwe: Wie heißt das Buch von Henze denn?
Ich hab die Sagreras Bände 1-7, halt auf Spanisch. Was haltet Ihr davon, die systematisch durchzuackern? Komme ich damit auch weiter?

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Bernd C Hoffmann
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Re: Prima Vista spielen?

Beitragvon Bernd C Hoffmann » So 15. Mär 2020, 21:24

Auch kann mich den Vorrednern nur anschließen. Tabulatur versaut die Auseinandersetzung mit der musikalischen Ausgangsssubstanz. Viele Menschen haben sich in der Vergangenheit daran gestört, dass ich Gitarristen, die auf diese Weise gelernt haben, als "musikalische Analphabeten" bezeichnet habe. Diese Bezeichnung wird auch in diesem Thema aus seinem Problem deutlich. Es ist ein riesiger Unterschied, wenn man ein Musikstück durch eine Schreibweise lernt, bei der man lediglich die Greifposition für den jeweiligen Ton vermittelt bekommt oder den kompletten musikalischen Zusammenhang, aus dem sich die Spielposition (mit diversen Alternativen) von selbst ergibt. Jörg Wagner hat das treffend auf den Punkt gebracht.

Tabulaturspiel, wie man es heute kennt, bedeutet für umfassendloses Dahergespiele mit Minimalstansprüchen. In den 1990er Jahren hatte ich nicht schlecht daran verdient, weil ich Tabulaturspielern durch meinen Tabulatur-Service die klassische Weltliteratur zugänglich gemacht habe. Gelegentlich gibt es immer wieder Anfragen. Durch meine Unterrichtserfahrung habe ich gesehen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die ein derart schlechtes Abstraktionsvermögen haben, um nach Noten zu lernen. Das sind jedoch absolute Ausnahmen. Die müssen eben damit leben, dass eine musikalische Auseinandersetzung am Kontext mit jedem Stück für sie tabu ist. Ein weiterer Punkt gegen die Tabulaturbasis ist die Tatsache, das diese Gitarristen die mit Abstand (sorry) miserabelsten Rhythmusleser sind. Sie können kein Stück lernen, dass sie vorher nicht gehört haben. Wenn ich meine Fähigkeiten kenne, Noten lesen und die Strukturen analysieren kann, dann kann mir Notenausgaben ansehen und beurteilen, ob ich das hinbekomme. Insbesondere erkenne ich den musikalischen Zusammenhang und sehe im Kopfkino, welche Optionen ich beim Fingersatz habe. All das bleibt dem Tabulaturspieler vorbehalten.

Meine Empfehlung:
Wer als selbstlernender Tabulaturspieler aufs Notenspiel umsteigen will, der sollte sich zunächst vergewissern, dass er an beiden Händen die richtige Grundmotorik hat. Hierfür sollte man einige Euro in die Hand nehmen und sich von klassisch geprägten Lehrern auf die Finger schauen und ggf. korrigieren lassen. Wenn das der Fall ist, dann gibt es ein Lehrwerk, das die Gitarre in allen Tonarten vermittelt. Das ist das Lehrwerk von Matteo Carcassi. Hier ist es bei Schott erhältlich, alternativ bei vielen anderen Musikverlagen im Ausland. Unser Mitglied "aläx" hatte danach gelernt und vor einiger Zeit darüber berichtet, dass er keine Probleme hat, um insbesondere in allen B-Tonarten zu spielen. Man könnte meinen, dies sei nur den Profis vorbehalten. Ich sage, das gehört zur Gitarristik genauso dazu, wie im täglichen Leben Luft und Wasser. Aber dies ist mehr ein kommerzielles Problem der Verleger sowie eins zum Durchhalten auf Schülerseite.
Liebe Grüße
Bernd
:
Tabulaturservice => Liste anfordern!

rwe
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Re: Prima Vista spielen?

Beitragvon rwe » So 15. Mär 2020, 21:40

amadeo hat geschrieben:rwe: Wie heißt das Buch von Henze denn?
Ich hab die Sagreras Bände 1-7, halt auf Spanisch. Was haltet Ihr davon, die systematisch durchzuackern? Komme ich damit auch weiter?

Bruno Henze, Das Gitarrespiel, Hofmeister; v.a. Bände 2-4 bzw. auch noch Band 5, https://www.hofmeister-musikverlag.com/ ... -1978.html Es gibt aber wohl nicht mehr alle Bände neu, den Bd 2 habe ich beim Verlag nicht mehr gefunden.

Mit Sagreras dürftest Du aber auch gut weiter kommen (und mit anderen Schulen auch). Sagreras gefällt mir gut.

CG-Fan
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Re: Prima Vista spielen?

Beitragvon CG-Fan » So 15. Mär 2020, 23:13

Die Gitarrenschulen von Heinrich Albert sind als pdf-Dateien frei verfügbar. Die Links findet man in dem nachfolgenden Thread von 2006 aus dem alten Klassikgitarrenforum. ;)

https://www.klassischengitarre.com/viewtopic.php?t=822

Was das Prima Vista Spiel betrifft, kann ich den Vorrednern nur beipflichten. Keine TABs, zur gezielten Notenleseübung auch mal auf solche ohne Fingersatz zurückgreifen und wenn man ein bisschen sattelfester ist, geht nichts über das Ensemblespiel! :D

Roberlin
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Re: Prima Vista spielen?

Beitragvon Roberlin » Mo 16. Mär 2020, 09:35

Systematische Werke können ja zu Tode langweilen.
Ein letzter Tipp wäre noch, sich das Real Book oder ähnliche Standardsammlungen vorzunehmen und dort die Melodien zu spielen. Da wird man nämlich auch mal mit seltenen Tonarten konfrontiert, und wenn man die Melodie zufällig schon im Ohr hat, hilft das auch...


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